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Die Sammlung Jonas


Sammlung Klaus W. und Ilsedore B. Jonas


Die in mittlerweile 48jähriger Arbeit zusammengetragene Sammlung von Prof. Klaus W. Jonas und seiner Gattin Ilsedore B. Jonas1soll die deutsche Literatur der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts umfassend dokumentieren, wobei jedoch der Schwerpunkt auf eine Reihe ausgewählter Autoren gelegt ist, die zu den Klassikern der Moderne zählen: Heinrich, Thomas, Klaus und Golo Mann, Rainer Maria Rilke, Hermann Hesse, Gerhart Hauptmann, Ernst Jünger, Hermann Broch, Carl Zuckmayer sind die wichtigsten von ihnen. Die Sammlung umfasst Werkausgaben – darunter viele Übersetzungen in zahlreiche Sprachen –, Monographien, graue Literatur und weitere gedruckte Publikationen (zusammen ca. 3.700 Titel), Periodika (ca. 2.000 Zeitschriftenhefte), aber auch eine Reihe von Autographen (überwiegend Briefe) im Original oder in Kopie sowie bibliophile Raritäten. Ein besonders gewichtiger Teil ist das Archiv der Zeitungsausschnitte, Fotokopien, Separata, Akzidenzdrucke und ähnlicher Materialien, das schätzungsweise mehr als 5.000 Dokumente enthält.

Der Thomas Mann und seine Familie betreffende Teil hat den größten Umfang, über 40% des gesamten Materials, das sind ca. 1.100 Bände und ca. 3.000 unselbständig erschienene Dokumente. Er wurde von Prof. Jonas im Zusammenhang mit der Erarbeitung seiner Thomas-Mann-Bibliographien aufgebaut2.

Diese Teilsammlung enthält nicht nur Texte von und über Thomas Mann, sondern auch aus dem biographischen, literarischen und zeitgeschichtlichen Umkreis des Autors, wie überhaupt beim Zusammentragen des Materials der kulturelle Hintergrund stets berücksichtigt worden war. Konkret läßt sich dieser Gehalt daraus ersehen, daß die Zeitschriftenaufsätze zum größten Teil nicht als Ausschnitte oder Kopien, sondern in Ganznummern gesammelt wurden, wo sie im literarischen und politischen Kontext weit aufschlußreicher sind. Bezogen auf den Sammelschwerpunkt, gewinnen diese in Bibliotheken sonst gewöhnlich verpönten Einzelhefte einen eigenen historisch-dokumentarischen Wert. Besondere Erwähnung verdient die Reichhaltigkeit in der Dokumentation der US-amerikanischen Rezeption Thomas Manns und anderer Autoren.

Bleibt auch die eigentliche Thomas-Mann-Sammlung im Umfang hinter den größten Spezialsammlungen, dem Thomas-Mann-Archiv der ETH Zürich und der Sammlung Hans-Otto Mayer der Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf, zurück, so ist die Sammlung Jonas als Ganzes gerade wegen der Nicht-Beschränkung auf einen Autor umso beeindruckender, weil sie es erleichtert, Querverbindungen freizulegen, die über die direkten biographischen Beziehungen zwischen den Schriftstellern weit hinausgehen. Aspekte wie die Rezeptionsgeschichte der deutschen Literatur insgesamt unter den Vorzeichen der Zeitgeschichte und des Exils beispielsweise werden durch eine solche Bestandsstruktur gebührend betont.

Der Weg der Sammlung in die UB Augsburg

Die Pläne, die Sammlung für die Universitätsbibliothek Augsburg zu erwerben, erwuchsen nicht zuletzt aus den guten Beziehungen von Prof. Dr. Helmut Koopmann zur Literaturwissenschaft in den USA, seinen dortigen Gastprofessuren und seinem raschen und entschiedenen Befürworten eines Ankaufs, nachdem Prof. Jonas im Jahr 1974 seine Absicht bekundet hatte, sein seit 1957 im Deutschen Institut der Universität Pittsburgh untergebrachtes Archiv zu veräußern. So urteilte Prof. Koopmann in seinem ersten Bericht über die Sammlung, die UB Augsburg bekäme mit deren Erwerb ggf. einen Forschungsschwerpunkt, wie er seinesgleichen in Deutschland allenfalls im Deutschen Literaturarchiv in Marbach habe. Weiter heißt es in dieser der Universität und ihrer Bibliothek vorgelegten Stellungnahme:

"Da es sich nicht um eine entlegene Literaturepoche handelt, die Klaus W.Jonas gesammelt hat, sondern um die wichtigsten Autoren der Literatur des 20.Jahrhunderts, so wäre wohl sichergestellt, daß mit Hilfe dieser Sammlung nicht etwa rein esoterische Literaturforschungen betrieben würden, sondern die Möglichkeit zur Erforschung einer auch heute noch lebendigen und aktuellen Literatur gegeben wäre."

Lebendige Forschung mit diesem Material ist auch heute noch das Ziel und der Wunsch von Dozenten und Studenten, nachdem die Überlassung der Sammlung an die UB Augsburg vertraglich besiegelt und ihr erster Teil bereits an Ort und Stelle erschlossen und bearbeitet wurde.

Zunächst war freilich der Kauf nicht zustandegekommen. Der Preis wäre aus regulären Bibliotheksmitteln nur gemeinsam mit der Bayerischen Staatsbibliothek oder mit Hilfe der Deutschen Forschungsgemeinschaft aus ihrem Schwerpunktprogramm Exilliteraturforschung aufzubringen gewesen. Über die Angemessenheit der Forderung wollte man sich erst Gewißheit verschaffen. Es erhoben sich auch Zweifel, ob nicht das Deutsche Literaturarchiv in Marbach oder die Deutsche Bibliothek mit ihrem Deutschen Exilarchiv geeignetere Standorte für die Sammlung seien.

Da die Finanzierung Probleme bereitete, musste man zunächst von dem Ankauf Abstand nehmen. Ausschlaggebend für den Entschluß von Prof. Jonas, den Kontakt nach über zehn Jahren wieder aufzunehmen und die Sammlung der Universitätsbibliothek letztlich sogar kostenlos zu überlassen, war sein positiver Eindruck von der Bereitschaft aller Beteiligten, sie als geschlossene Sammlung zu erhalten, zu erschließen und in Forschung und Lehre zu nutzen, vor allem aber die besseren Möglichkeiten einer Unterbringung der wertvollen Teile in den entsprechenden Magazinen der neuen Zentralbibliothek.

1989, als der inzwischen in Pittsburgh emeritierte Forscher und Sammler nach München übersiedelte3, erhielt die Bibliothek in mehreren Überseelieferungen den größten Teil der Sammlung. Weiterhin im Besitz von Prof. Jonas verblieben vor allem Materialien, die in der Thomas-Mann-Bibliographie für 1976-1995 verzeichnet werden, sowie die wertvollen bibliophilen Ausgaben und Autographen, die spätestens beim Tod der Besitzer ebenfalls der UB Augsburg als Geschenk zukommen sollen. Eine Stiftung soll die Einrichtung eines Dokumentations- und Forschungszentrums und den Ausbau der Sammlung ermöglichen, vielleicht sogar die Dotierung einer Auszeichnung für Thomas-Mann-Forscher.

Das inzwischen mit dem Bestandsaufbau der Bibliothek geschaffene Potenzial an literarischen Ressourcen bietet heute erheblich günstigere Voraussetzungen für die Aufnahme dieser bedeutenden Sammlung als in den siebziger Jahren. Die zahlreich vorhandenen modernen bibliographischen Hilfsmittel erleichtern als Infrastruktur auch die Erschließung und die Arbeit mit den Quellentexten. Nicht unwillkommen wird Forschern wie Studiereden zudem manches zusätzliche Exemplar vielbenützter Ausgaben und Sekundärliteratur sein.

Aus praktischen Gründen wurde beschlossen, nur den Buchbestand in der Universitätsbibliothek zu belassen und die Zeitschriften sowie das Aufsatzarchiv in Räumen des Lehrstuhls für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft aufzustellen, zumal absehbar war, daß den Fachgermanisten ein wichtiger Teil der späteren Erschließungsarbeit zufallen würde. Die Erschließung der Bücher wurde 1994 abgeschlossen. Die Universitätsbibliothek katalogisierte die Bücher, stellte sie systematisch auf und verzeichnete sie nach ihrem Inhalt im Schlagwortkatalog, so daß dem Benutzer der Zugriff unter verschiedenen Suchkriterien möglich ist. Die Herkunft aus der Sammlung Jonas wird in jedem Buch mit dem Exlibris gekennzeichnet, das die Bibliothek im Zusammenwirken mit Prof. Jonas und seiner Gattin anfertigen ließ.

Der größte Teil der Zeitungsausschnitte, nämlich die Quellen zu Thomas Mann, wurde 1991-1995 durch wissenschaftliche Hilfskräfte des Lehrstuhls von Prof. Koopmann mit einem PC katalogisiert und konservatorisch behandelt. Die Dokumente sind nach dem Alphabet der Verfasser in Kapseln abgelegt und mit der Nummer aus der Thomas-Mann-Bibliographie von Klaus Jonas versehen.

Ob der große Wunsch von Prof. Jonas, daß eine laufende Ergänzung der Sammlung und eine Fortführung der bibliographischen Arbeit auch in Zukunft ermöglicht werden, erfüllt werden kann, ist nicht abzusehen. Die Augsburger Universitätsbibliothek und die Literaturwissenschaftler wissen jedoch um die Verpflichtung, die ihnen nicht nur aus der großzügigen Schenkung des Sammlers, sondern auch aus der Bedeutung des überlassenen Quellenmaterials selbst erwächst.

Gerhard Stumpf


1 Zur Entstehung der Sammlung vgl. Klaus W.Jonas: Mein Weg zu Thomas Mann. In: Börsenblatt für den deutschen Buchhandel 31 (1975), Nr.77, S. A285-295, und ders.: Literatur und Zeitgeschichte. Aus dem Briefarchiv eines Sammlers und Bibliographen. In: Imprimatur, N.F. 10 (1982), S.226-256. [zurück zum Text]

2 Vgl. Klaus W.Jonas: The Making of a Thomas Mann Bibliography (1949-1989). In: Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte 64 (1990), Nr.4, S. 744-755.

Es sind erschienen:

  • Jonas, Klaus W.: Thomas Mann studies: a bibliography of criticism. - 2 Bände.
    Philadelphia 1955-1967 [Reprint New York 1969]
  • Jonas, Klaus W.: Die Thomas-Mann-Literatur. - 3 Bände
    Berlin 1972, 1979, 1997 [Bd.2 reicht bis 1975, Bd.3 von 1976 bis 1995.] [zurück zum Text]

3 Zu seiner Emeritierung erschien für Prof.Jonas die Festschrift "Wegbereiter der Moderne", hrsg. von Helmut Koopmann und Clark Muenzer, Tübingen 1990. Sie enthält eine umfassende Bibliographie seiner Veröffentlichungen. Neu ist jetzt erschienen: Jonas, Klaus W.: Fifty years as a Thomas Mann-Bibliographer / Fünfzig Jahre Thomas Mann-Bibliograph : bibliograph. Anmerkungen u. Bibliographie. - Wiesbaden: Harrassowitz, 2000.

Jonas, Klaus W.: Fifty years as a Thomas Mann-Bibliographer / Fünfzig Jahre Thomas Mann-Bibliograph : bibliograph. Anmerkungen u. Bibliographie. - Wiesbaden: Harrassowitz, 2000

Neueste Publikation zur Sammlung Jonas:  Für die Thomas-Mann-Forschung unverzichtbar. Reden anläslich der Verleihung der Ehrenmedaille der Universität Augsburg an Klaus W. Jonas und Ilsedore B. Jonas am 28. Oktober 2003