Suche

Rede von Robert Singer anlässlich der Übergabe seiner Sammlung


zurück zur Beschreibung der Sammlung Singer

25. Juni 2012

Robert Singer

Die Anfänge der Sammlung Robert Singer

Es war einmal eine kleine Wohnung im 7. Bezirk der ungarischen Hauptstadt Budapest, nahe dem wunderschönen Stadtpark. Jeden Sonntag fand hier bei kommunistischem Kaffee, koscherem Kuchen und ordentlich stinkenden Sliwowitz eine höchst konspirative Zusammenkunft statt.

Um den Verschwörungscharakter dieser sonntäglichen Versammlungen richtig zu verstehen, ist es notwendig, die innere Struktur des ungarischen Judentums kurz zu beleuchten. Im 18. Jahrhundert bildeten sich drei unterschiedliche Strömungen in den jüdischen Gemeinden Mittel- und Westeuropas, so auch in Ungarn, heraus: die Orthodoxie, die sich geradlinig an den traditionellen Interpretationen der über Jahrtausende größtenteils mündlich übermittelten religiösen Regelwerke Bibel und Talmud hielt; die Chassidim, die im Wesentlichen die Mystik – also die Verbindung zwischen religiöser und spiritueller Erfahrung – in den Mittelpunkt ihres Lebens stellten; und das liberale Reformjudentum (auch Neologie genannt), das in Folge der Aufklärung den Zeitgeist und Fortschritt auch und vor allem im religiösen Alltag einforderte und praktizierte.

Im Ungarn der Vor- und Nachkriegszeit – mit immer über 100.000 und mehr Juden – gediehen diese drei Strömungen gleichermaßen nebeneinander. Sie hielten aber großen Abstand zu einander. Das ging so weit, dass sie mit einander nichts zu tun haben wollten, der gegenseitige Umgang wurde geradezu gemieden. Und nun kommt das konspirative Element ins Spiel: In dieser kleinen Zweizimmer-Wohnung meiner Eltern traf sich die kantorale Viererbande.

Mein Vater unterhielt hier seinen kantoralen Salon: die zwei orthodoxen Oberkantoren und die zwei neologisch-liberalen Oberkantoren von Budapest, die in der Öffentlichkeit natürlich kein Wort miteinander wechselten, kamen jeden Sonntag zu Rabbi Singer, um gemeinsam zu singen, zu komponieren und das gegenseitige Repertoire auszutauschen. Das durfte natürlich kein Außenstehender wissen!

Eine enge Jugendfreundschaft verband Oberkantor Holzer, Oberkantor Weinberger, Oberkantor Lorand, Oberkantor Kovacs und meinen Vater. Später, als Holzer nach Kanada und Weinberger nach Israel ausgewandert waren, kamen noch Oberkantor Preis und Oberkantor Fisch als ihre Nachfolger hinzu.

Während man sich leiblich ein wenig stärkte, erzählte man sich, wie die letzten Sabbat-Gottesdienste (Freitag-Abend und Samstag-Morgen) verlaufen waren, was gesungen worden war, wie der Vortrag gelungen war und welche Neuerungen musikalisch oder stimmlich ausprobiert worden waren. So wurden endlose Beispiele vorgetragen, dabei Einwände vorgebracht, Erweiterungen eingeflochten, Verzierungen erfunden und natürlich sehr, sehr viel herzhaft gelacht – denn Singen ohne Humor ist wahrlich langweilig!

Dann – wie ein Ritual – erhob sich mein Vater mit dem Aufruf „Kinder, jetzt folgt der ernste Teil“ und plötzlich herrschte große Stille. Oberkantor Lorand setzte sich ans Pianino mit der Frage: „Wer braucht etwas Neues für den nächsten Sabbat?“ Und jeder gab eine Antwort. Dann herrschte wieder große Stille: Man wartete auf die Vorschläge meines Vaters, der – obwohl kein Sänger – aufgrund seines phänomenalen Gedächtnisses mehr Melodien kannte, als die vier Oberkantoren zusammen.

Sie werden sich fragen, wie das? Im Alltagsleben der Chassidim – und mein Vater entstammte einer chassidischen Familie aus Satmar im ehemals ungarischen Siebenbürgen – wurde den ganzen Tag gesungen. Der Tagesablauf der Chassidim war ebenso konsequent wie durchgestylt – wie man heute sagen würde: Sehr früh, um 5 Uhr, stand man auf und ging in die Mikwe, ins rituelle Bad. Und schon hier wurde gesungen – zwischen den Untertauchgängen. Danach begann der Morgengottesdienst: auch hier wurde natürlich gesungen. Dann ging es ab in die Talmudschule, wo ebenfalls neben dem Schärfen des Intellekts vor allem gesungen wurde. Am späten Nachmittag oder frühen Abend wurde das Nachmittags- und Abendgebet abgehalten: auch hier wurde gesungen. An jedem Freitagabend und Sabbat sowie an allen Feiertagen wurde in der Synagoge und auch noch zu Hause gesungen.

Mit einem Wort: In jeder Lebenslage, zu jeder Stunde, jeden Tag im ganzen Jahr und das über 18 Jahre hindurch wurde nur gesungen. Und niemals die gleichen Melodien, denn das wäre ja langweilig gewesen, nein: Immer neue und noch neuere Melodien und dann Abwandlungen von den Melodien und dann wiederum Abwandlungen der Abwandlungen dieser Melodien. Für jedes der hunderte Gebete und religiösen Lieder kannte mein Vater mindestens 5 bis 10 Versionen. Und bis ins hohe Alter erfand er neue Versionen, um auch so sein Gedächtnis frisch zu erhalten und zu trainieren. Und so wurden an diesen konspirativen Sonntagen neue Melodien und Versionen von Melodien erfunden, geprobt, verfeinert und als dann alle mit der abgerundeten Version zufrieden waren, schrieb sie Oberkantor Lorand in Windeseile auf Notenblättern auf.

An einem spätsommerlichen Sonntag im Jahr 1961 überraschte Oberkantor Lorand uns alle mit seiner ersten Langspielplatte. Für damalige kommunistische Zeiten eine Sensation. Diese Platte begründete vor genau 50 Jahren meine Sammlung, die heute und hier feierlich übernommen wird.

So wurde Sonntag für Sonntag die Liturgie der Budapester Synagogen über Jahrzehnte geprägt, bis alle Teilnehmer dieses Sonntagstreffs ins Ausland flüchteten und diese Kultusgüter in alle Welt hinaustrugen: Oberkantor Holzer ging nach Toronto, Oberkantor Weinberger wurden unter dem Namen Avraham Carmel Oberkantor der israelischen Armee, Oberkantor Lorand wurde nach Strasbourg berufen, Oberkantor Preis ging nach Montreal, Oberkantor Fisch wurde Oberkantor in Tel Aviv, Mein Vater wanderte nach Wien aus. Nur Sandor Kovacs blieb als strammer Kommunist Oberkantor in Budapest.

Als letzter lebender Zeitzeuge dieser Sonntagsrunde freut es mich sehr, diese gewachsene Sammlung heute der Universität Augsburg zu übergeben. Sie wird diese Sammlung in geeigneter Form digitalisieren, dieses Kulturgut pflegen und der Öffentlichkeit für wissenschaftliche Forschungszwecke zugänglich halten. Eine Vielzahl der von meinem Vater überlieferten Melodien ist noch nicht erfasst. Er wird daher eine wichtige Aufgabe der nächsten Jahre sein, diese aufzuschreiben und zu ordnen, um sie als Kulturgut einer weitgehend ausgerotteten europäischen Volksgruppe der Nachwelt zu erhalten.

Zehntausende Kantoren wurden während des Dritten Reiches durch das Nazi-Regime umgebracht. Und die wenigen Kantoren, die überlebten, kehrten bis auf eine Handvoll Europa den Rücken und wanderten in die USA und nach Israel aus. Heute gibt es so gut wie keine Kantoren europäischer Herkunft mehr. Umso wichtiger ist es, dass eine Sammlung wie diese gerade in Deutschland ihre Heimstätte findet!

Abschließend möchte ich mich bei Herrn Direktor Hohoff und Herrn Grünsteudel herzlich für Ihre Mühe und das aufgewandte Verständnis bei der Verwirklichung dieses einzigartigen Projekts bedanken und Ihnen viel Erfolg bei der wissenschaftlichen Aufbereitung und Verbreitung wünschen! Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!