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Johann Michael Dilherr: Heilige Sonn- und Festtags-arbeit, Nürnberg 1660


 

Johann Michael Dilherr:

Heilige Sonn- und Festtags-arbeit. Das ist: Deutliche Erklärung Der jährlichen Sonn- und Festtäglichen Evangelien: in welcher Dreiständig-nachdenckliche Sinnbilder vorangesetzet; hernach Die Wort gründlich erwogen / nützliche Lehren herausgezogen / und / über die meinsten Text / Drei Predigten zufinden sind: So / in underschiedlichen Jahren gehalten worden von Johann Michael Dilherrn / Predigern bei S.Sebald /und Professorn in Nürnberg

Nürnberg : Endter, 1660
Signatur UB Augsburg: 02/XIII.8.4.6-1, 02/XIII.8.4.6-2

 

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Die Heilige Sonn- und Festtags-arbeit ist Johann Michael Dilherrs erste emblematische Predigtsammlung. Die Predigten, die Dilherr auch selbst gehalten hatte, sind nach den Sonn- und Feiertagen im Lauf des Kirchenjahres angeordnet und mit emblematischen Kupferstichen versehen. In einem weiteren Sinn gehören solche Sammlungen zur Erbauungsliteratur, die damals ca. ein Viertel der gesamten und ungefähr die Hälfte der theologischen Buchproduktion ausmachte. Aufgabe der Erbauungsliteratur war es, den Glauben zu stärken und zu christlicher Lebensführung anzuregen.

Den Predigten dieses Buchs ist nicht jeweils ein Emblem in der Grundform Inscriptio / Pictura / Subscriptio vorangestellt; es handelt sich hier vielmehr um komplexe ‚emblematische Ensembles’. Das hier gezeigte „dreiständige“ Sinnbild zu Beginn der Weihnachtspredigt setzt sich aus Emblemen zum Thema ‚Sonne’ zusammen, die sich auf Christus als das Heil der Menschen beziehen.

Die Picturae bilden eine chronologische Abfolge: Sie zeigen die aufgehende Sonne, die mittäglich im Zenit stehende Sonne und die am Abend das ‚Gnadenmal’ des Regenbogens erzeugende Sonne. Die Inscriptiones, in dieser Reihenfolge gelesen, fügen sich zu einem vollständigen Satz.

Die Rahmung der Embleme enthält Engelsköpfe, um darauf hinzuweisen, dass Engel die Geburt Christi verkündeten. Zu Seiten der Embleme ist das Geschehen des Weihnachtsevangeliums abgebildet, d. h., es wird hier das illustriert, worauf sich die Sinnbilder beziehen. Die von Joseph gehaltene Kerze (links) und das vom Himmel strömende Licht (rechts) stellen eine Verbindung zur Lichtthematik der Embleme her. Dies tut auch das Schriftband oben mit dem Zitat aus dem Evangelium: „Die Klarheit deß HERRN Leuchtete um sie [die Hirten].“ Gleichzeitig herrscht zwischen den Emblemen und der Evangelienillustration der Gegensatz Tag / Nacht.

Als Subscriptio dient die „Erklärung deß Sinnbildes“ unterhalb. Auf die „Erklärung“ des Sinnbilds folgt die siebenseitige Predigt, die Dilherr einer Angabe im Buch zufolge 1649 gehalten hatte.

 

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Bereits der Kupfertitel enthält ein „dreiständiges Sinnbild“, wie es dann im Buch selbst jeweils den Predigten vorangestellt ist. Auf dem Kupfertitel zeigen die drei zusammengehörigen Embleme den langen und beschwerlichen Weg, auf dem Gott das Volk Israel nach seinem Auszug aus Ägypten in das Gelobte Land führt: ein Sinnbild für den Lebensweg jedes einzelnen Menschen, der unterwegs ist zum Reich Gottes.

Flankiert wird das „dreiständige Sinnbild“ von den Personifikationen der drei christlichen Tugenden, die Paulus im Ersten Korintherbrief benennt: Glaube (links außen; Frau mit Kreuz, Kelch und Hostie), Liebe (rechts außen; Mutter mit zwei Kindern), Hoffnung (links daneben, Frau mit Anker). Rechts neben dem ‚Glauben’ ist eine weitere Frau sichtbar, die mit dem Kreuzstab und dem Schaf an eine Hirtin erinnert. Sie verkörpert vermutlich die Seelsorge, eine für eine Predigtsammlung besonders angebrachte Personifikation.

Links unten das Porträt des Autors; rechts unten ein Emblem mit dem Wahlspruch Dilherrs ‚In foraminibus petrae quiesco’ – ‚Ich ruhe im Felsennest der Taube’. Das dem Hohenlied entnommene Felsennest ist hier gleichzusetzen mit der Seitenwunde Christi. Im Hintergrund Nürnberg, Dilherrs Wirkungsort.

 

Zur Biographie Johann Michael Dilherrs

 

Dilherr war zwar zu seiner Zeit ein berühmter protestantischer Theologe und Schriftsteller, dessen Werk über 100 deutsche und lateinische Publikationen umfasst (u. a. Kirchenlieder, Erbauungsbücher). Nach seinem Tod geriet er aber ziemlich schnell in Vergssenheit.

Geboren wurde er 1604 in Themar (Thüringen). Als er gerade das Gymnasium in Schleusingen besuchte, brach der Dreißigjährige Krieg aus (1618). Die wohlhabende Familie verlor in kurzer Zeit fast alle Besitztümer. Trotz widriger Umstände setze Dilherr seine Ausbildung fort und studierte in Leipzig, Altdorf (bei Nürnberg) und Jena. In den Jahren danach wurde er an der Universität Jena mit mehreren Professuren und wichtigen Ämtern betraut (Professuren für Beredsamkeit, Geschichte, Poetik, Theologie; Dekan der philosophischen Fakultät; Rektor).

Jena wurde vom Krieg stark in Mitleidenschaft gezogen. Die Stadt wurde mehrfach von Truppen geplündert und gebrandschatzt. Studenten der Universität wurden zwangsrekrutiert. Überhaupt sanken die Studentenzahlen so stark, dass die Universität nur mit Mühe offen gehalten werden konnte. Außerdem grassierten die Pest und andere Seuchen. Trotz seiner beachtlichen Karriere in Jena wechselte Dilherr deshalb 1642 nach Nürnberg, wo er bis zu seinem Tod 1669 lebte.

Auch in Nürnberg wurde er in zahlreiche wichtige Ämter berufen: Er war u. a. Verantwortlicher für das städtische Schulsystem, Direktor des Aegidiengymnasiums, Chef der Buchzensur und Erster Prediger an St. Sebald, einer der großen Stadtkirchen.