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Ernst Bidermann: Ehren-Gebäu Oesterreichischer Helden-Tugenden, Innsbruck 1693


 

Ernst Bidermann:

Ehren-Gebäu Oesterreichischer Helden-Tugenden, Mit welchen weilandt der Durchleüchtigste Fürst unnd Herr, Herr Ferdinandus Carolus Ertzhertzog zu Oesterreich, etc. in Lebenszeiten herrlich gezieret ware bey deroselben Ertzfürstlichen Traur-Gerüst unnd Leichbegängnuß in nachfolgender Lobred und Sinn-Bildnussen vorgestelt

Ynßprugg : Paur, 1663
Signatur UB Augsburg: 02/XIII.8.2.303angeb.1

 

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Am 30. Dezember 1662 verstarb im Alter von 34 Jahren Ferdinand Karl von Habsburg, Erzherzog von Österreich. Zu Beginn des folgenden Jahres errichtete man ihm zu Ehren in der Jesuitenkirche von Innsbruck ein sog. ‚Castrum doloris’ (‚Trauerbühne, Trauergerüst’). Ein solches Castrum doloris war nur für die vorübergehende Aufstellung gedacht. Es wurde deshalb nur aus Holz, Pappe und Tüchern gefertigt, sollte durch die Bemalung aber die Illusion einer prunkvollen Architektur erwecken.

Am 3. März 1663 hielt der Innsbrucker Hofprediger, der Jesuit Ernst Bidermann, vor dem Castrum doloris eine Leichenpredigt für Ferdinand Karl. In Analogie zu dem in der Kirche zu sehenden Monument nennt sie sich Ehren-Gebäu österreichischer Helden-Tugenden. Dem Druck der Leichenpredigt ist ein großformatiger Kupferstich beigegeben, der dieses Ereignis illustriert und dadurch auch einen Eindruck von dem längst zerstörten Catrum doloris gibt (siehe Bild oben). Die Leichenpredigt Bidermanns übernimmt die für diesen Typus charakteristischen Funktionen Lob (laudatio), Klage (lamentatio) und Trost (consolatio). Während Protestanten in ihren Leichenpredigten ihren Schwerpunkt auf die Exegese des Bibelwortes legten, rückten katholische Leichenprediger das Lob des Verstorbenen in den Mittelpunkt ihrer Rede. Die Würdigung des Verstorbenen entfernte sich dabei oft stark von der Lebenswirklichkeit.

Das Ehren-Gebäu enthält außer dem Text der Predigt zehn ganzseitige emblematische Kupferstiche, Sinnbilder für die Tugenden Ferdinand Karls: clementia (Milde), munificentia (Freigebigkeit) fortitudo (Stärke), pietas (Pflichtbewusstsein) und felicitas (Seligkeit). Der Predigttext nimmt auch Bezug auf die Embleme, so dass Teile der Predigt die Funktion der Subscriptio eines Emblems übernehmen (siehe Bilder unten). Längere Textpassagen in Prosa treten damit an die Stelle der knappen Versform der klassichen Subscriptio. Möglicherweise waren die der Predigt beigegebenen emblematischen Motive auch in vergrößerter Form am Castrum doloris angebracht oder an anderer Stelle in der Kirche zur Schau gestellt.

Der Kupferstich mit dem Castrum Doloris nennt rechts unten den Namen Matthäus Küsels. Er und sein Bruder Melchior gehörten zu den renommiertesten Augsburger Kupferstechern der damaligen Zeit. Vermutlich führte Matthäus Küsel auch die qualitätvollen emblematischen Kupferstiche mit ihren starken Hell-Dunkel-Kontrasten aus.

 

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Die Milde eines Fürsten ….

Jetzt komt mir für / als seche ich … unseren mildreichen FERDINANDUM CAROLVM gleich als einen anderen Orpheum, von welchem die alte Reimemacher dichteten / er habe mit kunstreichen lieblichen Seitenspil so gar die wilden Tiehr nach sich gezogen / und zahm gemachet. Ist nur ein Poetischer Traum. Wann wir aber einen … nit erdichten Orpheum zusuchen hetten / wen könten wir dermalen billicher daruor halten / dann Ihr Ertzfürstliche Durchleuch tigkeit? … Es stimmete dieser unser Oesterreichische Orpheus seine Laute nach der manier und weiß die von der Göttlichen vorsichtigkeit aller Welt Regenten / beobachtet / und gehalten wirdt: … Fortiter & suaviter: Kräfftig und Lieblich: keines ohne das andere auff dass nit erfolge / entweders Cantus durus, ein gar zu harte Weiß; oder Cantus mollis, ein gar zu linde und weiche Manier: beide zusamen lauten recht / und wol.

 

 

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… und seine Freigebigkeit

Was ware doch anderst die Ferdinandische Gutthätigkeit dann ein solcher fliessender Goldbrunnen?… dann gleich wie das Brunnenwasser vilfeltig / durch verborgene Deüchel / in die Behaussungen der Innwohner geleitet wird / also dass deren vil umb den ersten ursprung nichts wissen; also pflegte auch unser guttähtige Ertzhertzog / durch geheime Freygebigkeit / sehr viler geschämiger Armut Hilff zuthun. Also steurete er auß vil arme Mägdlein zu ehrlichen Heyrat: also begabte er die arme studierende Jugend: also ernehrete er vil Wittib samt ihren Weisen.