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Triumphus novem seculorum Imperii Romano-Germanici


triumphus_600

 

Anton Bömer:
Triumphus novem seculorum Imperii Romano-Germanici
Augsburg 1725
02/IV.14.2.5

...vollständiges Digitalisat des Buches

 


Bei diesem aufwändig illustrierten geschichtlichen Abriss des römisch-deutschen Reichs handelt es sich um die erweiterte Augsburger Neuausgabe eines Buches, das erstmals in Wien im Jahr 1700 anlässlich der Disputation des Joseph Julius von Hörmann veröffentlicht wurde.

In Zusammenhang mit Disputationen publizierte Hochschulschriften wurden zwar des öfteren mit einzelnen Kupferstichen geschmückt; Thesenblätter wurden häufig als großformatige Kupferstiche gestaltet. Eine derart repräsentative Publikation, wie sie bei Hörmanns Disputation vorgelegt wurde, bildet jedoch die Ausnahme. Aufgrund des Themas und der starken panegyrischen Akzente des Textes bestand die Aufgabe des Buches wohl nicht zuletzt darin, dem Gönner zu huldigen, unter dessen Schirmherrschaft die Disputation stand. Diese Funktion rückt umso mehr in den Vordergrund, als die 50 Thesen "ex universa philosophia", die der Erstausgabe von 1700 beigebunden sind, keinen Bezug zur Geschichtswissenschaft haben. Sie stehen damit in keinem direkten inhaltlichen Zusammenhang mit dem Hauptteil des Buches.

Der Schirmherr war in diesem Fall kein geringerer als Kaiser Leopold I., der fünfzigste Herrscher des römisch-deutschen Reichs. Er wird auch auf dem Titelblatt als Widmungsträger hervorgehoben und mit dem Epitheton 'magnus' ('der Große') belegt. Im Publikationsjahr 1700 feierte Leopold außerdem seinen 60. Geburtstag.

Die Wiener Erstausgabe des Triumphus unterteilt die Geschichte des römisch-deutschen Reichs vom Jahr 800 (Kaiserkrönung Karls des Großen) bis zum Publikationsjahr 1700 in neun Jahrhunderte. Jedem Jahrhundert sind einige Textseiten und ein ganzseitiger Kupferstich gewidmet. Stets wird einer der Herrscher als die das Jahrhundert in besonderem Maß prägende Gestalt herausgehoben.

Eröffnet wird der Textteil jeweils durch einen in engerem Sinne panegyrischen Abschnitt, der die herausragende Herrschergestalt durch ein Lobgedicht feiert. Vorangestellt sind einige überschriftartige Zeilen, die den Namen des Herrschers mit dessen herausragenden Eigenschaften und einer präzisierenden Gattungsbezeichnung für das Lobgedicht kombinieren ('Epinicion', 'Encomium', 'Eucharisticon' etc.). Der größte Teil des Textes besteht dann aus chronologisch angeordneten Kurzbiographien der Herrscher des betreffenden Jahrhunderts ("Caesares, Regésque Germaniae ab anno […] ad […]") und einer Zusammenstellung wichtiger Ereignisse dieses Zeitraums ("Memorabilia Imperij").

Die neun Kupferstiche zu den einzelnen Jahrhunderten nennen als Vorlagenzeichner durchgehend Peter Schubart (Schubert) von Ehrenberg (geb. 1668 in Antwerpen). Die Ausführung erfolgte durch mehrere Augsburger Künstler: Vier Stiche tragen die Namen Johann Andreas Pfeffels (1674 – 1748) und Christian Engelbrechts (1672 – 1735), die während ihrer Wiener Jahre gemeinsam mehrere Stichfolgen publizierten und auch nach ihrer Rückkehr nach Augsburg (ca. 1711) ihre Kooperation noch kurz fortsetzten; fünf Stiche nennen Johann Ulrich Kraus (1655 – 1719).

Die Kupferstiche greifen mit ihren an Triumphbögen oder Ehrenpforten erinnernden Bauten die Tradition ephemerer Festarchitekturen auf, wie sie bei besonderen Anlässen zu Ehren eines Herrschers errichtet wurden (z. B. beim Einzug in eine Stadt). Hier handelt es sich freilich um rein imaginäre Aufbauten, die nie in dieser Form realisiert wurden; ein Bildtypus, der seine monumentalste druckgraphische Ausprägung in Albrecht Dürers Ehrenpforte für Kaiser Maximilian I. fand (Erstausgabe 1517/18). Sibylle Appuhn-Radtke sieht in den Erfindungen Schubarts "einen späten Beleg für das Interesse des Wiener Hofs am niederländischen Hochbarock, in dem manieristische Tendenzen weitergetragen wurden."  (in: Lorenz, Hellmut, Hrsg.: Geschichte der bildenden Kunst in Österreich, Band 4: Barock, München [u.a.] 1999; Kat. 335, S. 634 f.)

Die Triumpharchitekturen sind stets bildfüllend im Vordergrund platziert. Die gelegentlich eingestreuten zwergenhaften Staffagefiguren, die in ihnen promenieren und sie bewundern, betonen die Monumentalität der Anlagen und lassen das Individuum als klein und unbedeutend gegenüber der Reichsidee erscheinen. Zugleich sind die Bauten durch die weiteren Architekturen, vedutenartigen Ausblicke, Wolkenformationen etc. des Hintergrunds in einen räumlichen Kontext eingebettet. Dabei ergeben sich durch die Verwendung feinerer Strichlagen für die Hintergründe stark tiefenräumliche Wirkungen.

Geschmückt sind die Triumpharchitekturen mit Statuen und Büsten der Herrscher, mit allegorischen Figuren, Schrift- und Bildkartuschen, Wappen, Trophäen usw. Der im panegyrischen Teil des Textes hervorgehobene Herrscher ist dabei häufig in prominenter, zentraler Position im oberen Bereich der Architektur platziert. Im Mittelpunkt der auf dieser Seite gezeigten Tafel zum 14. Jhdt. steht Kaiser Karl IV. aus dem Haus Luxemburg (1316-1378; seit 1349 römischer König, seit 1355 römischer Kaiser). Entsprechend bildet sein Porträtmedaillon das Zentrum der Triumphpforte, deutlich hervorgehoben gegenüber den flankierenden Porträts der anderen Herrscher des Jahrhunderts.

Die neunte, dem 17. Jahrhundert gewidmete Tafel bildet insofern eine Ausnahme, als sich hier noch einmal die vorangehenden Herrscher um den im Jahr 1700 regierenden Kaiser Leopold I. versammeln. Er erscheint zusammen mit seiner Gattin Eleonore von Pfalz-Neuburg in einem von Löwen gezogenen Wagen in der die Architektur bekrönenden Ädikula. Die Huldigung an den Schirmherrn der Disputation gipfelt also darin, dass die gesamte Geschichte des römisch-deutschen Reichs zu Leopold als zu ihrem vorläufigen Höhepunkt hinführt. Dementsprechend wird er sowohl auf der Titelseite als auch zu Beginn des Textes zum 17. Jahrhundert als "virtutum et saeculorum compendium" ("Inbegriff der Tugenden und Jahrhunderte") bezeichnet. Auch wurde für das Lobgedicht auf Leopold I. (hier als 'Dithyrambus' bezeichnet) eine größere Schrifttype verwendet als für die Huldigungsverse an seine Vorgänger.

Der eigentliche Reiz der Illustrationen besteht darin, wie auf jedem Kupferstich eine neue Lösung dafür gefunden wird, eine kompliziert verschachtelte Bildanlage mit einer verschwenderischen Fülle additiver Einzelheiten zu überziehen. Dies lässt zumindest auf den ersten Blick vergessen, dass viele figurale Einzelheiten steif und konventionell sind. Auch manifestiert sich bei aller Prachtentfaltung letztlich weder in den Bilderfindungen noch in der handwerklich soliden Ausführung eine sonderlich individuelle künstlerische Handschrift. Ein interessanteres Figurenarrangement zeigt das Frontispiz (Pfeffel und Engelbrecht nach Vorlage Schubarts): Leopold I. reitet hier in Begleitung zahlreicher allegorischer Figuren auf einen Triumphbogen zu, der wohl als Pforte zum 18. Jahrhundert zu deuten ist, in das der Kaiser das Reich führt.

Nachdem der Triumphus 1702 noch einmal in Wien aufgelegt worden war, erschien 1725 bei Johann Andreas Pfeffel die Augsburger Neuausgabe; sicher nicht zufällig gerade in dem Jahr, in dem das erste Viertel des neuen Jahrhunderts abgeschlossen war und der nunmehrige Herrscher Karl VI. seinen 40. Geburtstag feierte.

Diese Neuausgabe löst das Werk aus dem zeitgebundenen Kontext der Disputation heraus. Die Titelseite benennt diesen Anlass nicht mehr, für den der Text ursprünglich verfasst worden war. Sie identifiziert nun aber explizit den Praeses der Disputation, den Jesuiten Anton Bömer (1664 – 1706), als dessen Verfasser. Die Widmungsrede des Defendenten Hörmann an Kaiser Leopold wird nicht mehr abgedruckt, aber auch nicht durch eine entsprechende Huldigung an den nunmehrigen Herrscher, Karl VI., ersetzt. Allerdings spricht die Titelseite die Widmung an Karl VI. aus ("Carolo Magno … Imperatori"). Dabei wurde die Formulierung "Germaniae, Hungariae, Bohemiae Regi" nachträglich durch Überkleben des "Hungariae" umgewandelt in "Germaniae, Hisp. Hung. Bohemiae Regi". Eigentlich hatte Karl VI. die Königswürde von Spanien ("Hisp[aniae]") aber bereits zu Ende des Spanischen Erbfolgekrieges an den Bourbonen Philipp V. verloren.

Auch das Frontispiz des Triumphus wurde auf den neuen Herrscher abgestimmt: Beim reitenden Kaiser wurde der Kopf Leopolds I. gegen den Kopf Karls VI. ausgetauscht; auch wurde der Text der Schriftrolle links unten abgeändert. Die Figur des Schriftrollenhalters ist ebenfalls neu gestaltet. Obwohl sich die allegorische Entourage des Frontispizes mühelos von einem Kaiser auf den nächsten übertragen lässt, hat ein signifikantes Moment der Bilderfindung im neuen Kontext seinen spezifischen Symbolgehalt verloren, nämlich die Bewegung des Zuges in Richtung Triumphpforte: Dies konnte im Jahr 1700 noch als Aufbruch in ein neues Jahrhundert gedeutet werden.

Die Kupferstiche und Texte des Hauptteils sind im Wesentlichen aus der Erstausgabe übernommen. Der ergänzend hinzugefügte Abschnitt zum ersten Viertel des neuen Jahrhunderts entspricht strukturell den Abschnitten zu den vorhergehenden Jahrhunderten, wobei die herausragende Rolle unter den (bis zu diesem Zeitpunkt) drei Kaisern des 18. Jahrhunderts natürlich Karl VI. zugewiesen wird.

Freilich bildet damit die kaum noch zu überbietende Huldigung an Leopold I. nicht mehr den krönenden Schlusspunkt des Werkes. Eine gewisse Antiklimax ist nun unvermeidlich: Auf den "Inbegriff der Tugenden und Jahrhunderte", der in einem 'Dithyrambus' besungen und der auf dem Kupferstich von seinen 49 Vorgängern umgeben wird, folgt mit Karl VI. ein Herrscher, der als "überaus tapferer und glücklicher Friedensbringer und -bewahrer" bezeichnet wird, zu dessen Ehren ein 'Plausus' (Beifall) erschallt, und der auf dem Kupferstich lediglich seine beiden unmittelbaren Vorgänger überragen darf. Auch die Schrifttype des 'Plausus' kehrt wieder zu der kleineren Type zurück, die für die Lobgedichte auf die Herrscher vor Leopold I. verwendet worden war.

Der Kupferstich aus der Pfeffel-Werkstatt (der keine Künstler nennt) zeigt wieder eine reich geschmückte Triumpharchitektur, deren ornamentale Einzelheiten (z.B. die schlanken, volutenbesetzten C-Bögen der Kartuschenrahmungen) allerdings deutlich die spätere Entstehungszeit verraten. Als neues Gestaltungselement gegenüber den früheren Kupferstichen treten in der Umgebung der Triumphpforte selbstständig agierende allegorische Gruppen auf (z.B. im Vordergrund: Allegorie des Überseehandels).

Leicht abgeändert gegenüber der Erstausgabe ist in der Neuausgabe auch der Text zum 17. Jahrhundert. Die Biographie Leopolds I. wird noch im Rahmen des 17. Jahrhunderts bis zu dessen Todesjahr 1705 fortgeführt; die früher im Text zum 17. Jahrhundert enthaltenen Angaben zu Joseph I. (römisch-deutscher König seit1690) werden in die Biographie Josephs I. übernommen, die den neuen historiographischen Text zum 18. Jahrhundert eröffnet. In den 'Memorabilia' des 17. Jahrhunderts wird zusätzlich der am 18. August 1700 auf Schloss Traventhal in Holstein geschlossene Frieden zwischen Dänemark und Schweden berücksichtigt.

 

Peter Stoll