Dokumentation zur Geschichte und Kultur der Juden in Schwaben.
Bearb. von Doris Pfister. Hrsg. von Peter Fassl. Augsburg 1993
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Einführung der Bearbeiterin zur Druckfassung
Vollständiger Text: Teil I/1, S. IV ff. der Dokumentation (PDF)
Die Dokumentation zur Geschichte und Kultur der Juden in Schwaben umfaßt drei Teilbände: einen Archivführer (in zwei Teilen), ein Verzeichnis des jüdischen Hausbesitzes um 1835/40 und eine Bibliographie. Der weitaus größte Teil der Arbeit ist in den Jahren 1988 bis 1991 bei der Heimatpflege des Bezirks Schwaben in Augsburg entstanden, unter Leitung von Bezirksheimatpfleger Herrn Dr. Peter Fassl. Er hat diese Dokumentation über all die Jahre ihrer Entstehung hinweg zu jeder Zeit hilfreich mit Rat und Tat begleitet, wofür ich ihm auch an dieser Stelle ganz besonders herzlich danke.
Der vorliegende Archivführer ist ein Versuch, den noch vorhandenen und zugänglichen Quellenbeständen für die Geschichte der Juden in Schwaben nachzuspüren und sie für die Öffentlichkeit aufzuzeichnen. Wichtiges Archivmaterial ist durch die nationalsozialistischen Beschlagnahmen und Zerstörungen der jüdischen Archive leider für immer verloren gegangen. Die Restüberlieferungen sind heute zum Teil weit verstreut auf verschiedene Aufbewahrungsorte im In- und Ausland.
Um die Jahrhundertwende waren jüdische Gemeindearchive in Deutschland größtenteils noch ungeordnet und oftmals in einem beklagenswerten Zustand. Dies änderte sich jedoch mit dem 1905 in Berlin gegründeten "Gesamtarchiv der deutschen Juden". Es umfaßte bei seiner feierlichen Eröffnung im Dezember 1910 bereits 250 deponierte Archive jüdischer Gemeinden und wurde zu einem ersten Zentrum deutschjüdischer Geschichtsforschung. Damals wurde als Leiter der Berliner Gemeindebibliothek auch der Historiker Joseph Meisl mit den im gleichen Haus untergebrachten Archivalien des jüdischen Gesamtarchivs vertraut. Nach seiner Einwanderung in Palästina entwickelte Meisl dann den Plan einer Zentralisierung des gesamten jüdischen Archivmaterials und schon 1939 wurde in Jerusalem eine Kommission gebildet, die diese Idee in mehrjähriger Arbeit in die Wirklichkeit umsetzte. Das Ziel der Gründer war es, das vom völligen Verlust bedrohte Archivmaterial zu retten, denn nicht nur die Nationalsozialisten zerstörten jüdische Archive, auch durch Verfolgung, Pogrome, Vertreibungen, Wanderungen und Brandschatzungen waren im Verlauf der Jahrhunderte zahlreiche Dokumente und Schriftstücke vernichtet worden bzw. verloren gegangen.
Offenbar ist es tatsächlich gelungen, das Berliner Quellenmaterial, oder zumindest Teile davon, nach Jerusalem zu überführen. So verfügt das "Historische Zentralarchiv der Juden" in Jerusalem heute über sehr umfangreiche, zum Teil hebräische Bestände des "Gesamtarchivs der deutschen Juden, Berlin". Aus Schwaben sind hier die ehemals jüdischen Gemeinden Ederheim, Harburg, Mönchsdeggingen und Wallerstein vertreten. Sie hatten ihre Archive, wie es scheint, teilweise nach Berlin abgegeben. Von der Israelitischen Gemeinde Harburg, die sich 1936 auflöste und mit der Glaubensgemeinschaft Nördlingen vereinigte, ist allerdings bekannt, daß sie ihr Archiv und auch das Totengedenkbuch 1935 dem Verband Israelitischer Bayerischer Gemeinden in München übergab.
Inwieweit die übrigen jüdischen Gemeindearchive Schwabens die NS-Zeit überstanden haben, läßt sich nur schwer feststellen. Wie Gernot Römer in seinem 1983 erschienenen Buch, "Der Leidensweg der Juden in Schwaben", berichtet, wurden z.B. in Augsburg bereits im Juli 1935 das Gemeindearchiv und die Bibliothek von Gestapoleuten durchstöbert, Akten aus den Ordnern entnommen und Material abtransportiert. Nach dem Brand in der Synagoge am 9./10. November 1938 wurde dann auch viel zerstört. Als die Juden damals unter Polizeiaufsicht im Gemeindehaus ihre Grundbücher suchten, fanden sie in unbeschreiblichem Dreck und Durcheinander halbverbrannte Gebetbücher, Akten und Briefe. Ähnliches geschah im November 1938 in fast allen jüdischen Gemeinden. Gebetbücher und Gesetzesbücher wurden oftmals gleich zerrissen oder verbrannt (z.B. in Altenstadt, Fellheim, Ichenhausen und Oettingen). Die teilweise umfangreichen Archive und Akten wurden, soweit sie wichtig erschienen, entfernt und "sichergestellt". In Memmingen, wo die Synagoge 1938 völlig abgetragen und z.T. gesprengt worden war, rekonstruierte das Gericht nach dem Krieg: "... Wertvolle Schriftstücke und dergleichen wurden in Kisten verpackt; wohin diese kamen, ist nicht bekannt ...".
In den vorliegenden Archivführer konnten noch etwa 15.000 Einzelnachweise aus insgesamt über 80 Archiven, Bibliotheken und Privatsammlungen aufgenommen werden. Für die Reihenfolge der verzeichneten Bestände war die in den jeweiligen Archiven vorgegebene Gliederung maßgebend. Die einzelnen Angaben in der Dokumentation konnten sich deshalb an kein starres Schema halten. Bei den umfangreichen Privatsammlungen von Gernot Römer und Herbert Auer erfolgte die Beschränkung der Angaben auf persönlichen Wunsch.
Die hier verzeichneten Urkunden sind im wesentlichen den bereits veröffentlichten Regestenbänden entnommen, insbesondere jenen, die von der Schwäbischen Forschungsgemeinschaft herausgegeben wurden. Auf unveröffentlichte Regesten ließ sich beispielsweise im Stadtarchiv Augsburg zurückgreifen, wo Dr. Karl Heinz Keller aus München im Auftrag der Hebräischen Universität Jerusalem (für die Veröffentlichung des Artikels "Augsburg" in der Germania Judaica) wertvolle Vorarbeiten geleistet hatte.
Ein Teil der Archivbestände mußte in Anbetracht des enormen Materialumfangs aus vorhandenen Repertorienbänden verzeichnet werden. Generell ist dabei zu beachten, daß der Eintrag im Findbuch und der Inhalt des Archivals nicht immer übereinstimmen müssen, weil Repertorien, je nach Entstehungszeit und Qualifikation des jeweiligen Bearbeiters, von sehr unterschiedlichem Wert sind.
Kleinere Archive oder solche mit nur wenigen Quellen zur Geschichte der Juden in Schwaben haben auf schriftliche Anfrage oftmals auch Urkunden und Akten überprüft, bestätigt und mitunter ergänzt. Verschiedene Archive, darunter das Leo Baeck Institut in New York und das Stadtarchiv in Schwabmünchen, schickten freundlicherweise vollständige Listen ihrer Juden betreffenden Bestände und sogar Kopien vorhandener Quellen. Manchmal ließ sich auch hier bereits veröffentlichtes Material übernehmen, wie z.B. für das von Karin Sommer ausgewertete Gemeindearchiv Altenstadt oder für die katholischen Pfarrarchive in Hainhofen und Ichenhausen, die Dr. Gerhard Hetzer bzw. Dr. Silvester Lechner verzeichnet haben.
Was die Pfarrarchive insgesamt betrifft, war die Bestandsaufnahme nicht immer ganz einfach, weil viele Pfarrer Anfragen zu dem offenbar "heiklen" Thema überhaupt nicht beantwortet haben. Dies soll aber in keiner Weise die Verdienste jener Pfarrer schmälern, die ihre Archive selbst durchsahen, für Nachforschungen öffneten oder Bittschreiben an Sachkundige weiterleiteten. Einzelne Pfarrarchive, wie etwa in Fischach, sind auch einfach ungeordnet und konnten deshalb aus Zeitgründen nicht mehr rechtzeitig für den Archivführer ausgewertet werden.
Die weitaus umfangreichsten Bestände zur jüdischen Regionalgeschichte birgt das Staatsarchiv von Schwaben in Augsburg, das sich früher in Neuburg a. d. Donau befand. Dieses Archiv darf heute als zentraler Mittelpunkt für die jüdische Geschichtsforschung Schwabens gelten, nachdem inzwischen auch die Schwaben betreffenden Urkunden und Akten aus dem Bayerischen Hauptstaatsarchiv München hierher nach Augsburg gebracht wurden. Verblieben sind im Münchner Hauptstaatsarchiv unter anderem die Ministerialakten und vor allem die Akten des Reichskammergerichts, von denen ca. 170 schwäbische Juden betreffen. Diese Prozeßakten wurden von Dr. Manfred Hörner in München verzeichnet, der seine Unterlagen dankenswerter Weise zur Verfügung stellte.
Fülle und Inhalt der in der vorliegenden Dokumentation beschriebenen Archivalien belegen deutlich, daß sich trotz aller Verluste noch immer zahlreiche Quellen von sehr hoher personen- und damit auch orts- und landesgeschichtlicher Bedeutung erhalten haben, die der wissenschaftlichen Forschung zu einem erheblichen Teil bisher nicht genügend oder überhaupt nicht erschlossen waren.
Die Archivübersichten können bezüglich ihres Inhalts keine Vollständigkeit beanspruchen. Es wäre ein weiteres vieljähriges Unternehmen, allein die umfangreichen Protokollbände und Rechnungsbücher oder die Gerichtsakten detailliert nach Hinweisen auf Juden zu durchforschen. Es wurde jedoch versucht, zumindest entsprechende Stichproben durchzuführen, so daß im wesentlichen doch all jene Bestände aufgeführt sein dürften, in denen Hinweise auf Juden prinzipiell zu erwarten und zu suchen sind. Alle Benutzer dieser Dokumentation sind zudem gebeten, dem Herausgeber oder der Bearbeiterin weitere Quellennachweise, eventuelle Berichtigungen und hier gefundene Fehler freundlicherweise mitzuteilen.
(Doris Pfister)