Hertz-erquickende Trauer-Bühne
Barocke Embleme zur Passion Christi
03.03. - 22.04.2004
Zentralbibliothek, Ausstellungshalle
Die Ausstellung ist einem Buch gewidmet, das der Augsburger Verleger
Johann Christoph Kolb im Jahr 1708 veröffentlichte. Das vorzüglich
erhaltene Exemplar dieses reich illustrierten Werkes in der
Universitätsbibliothek Augsburg (Oettingen-Wallersteinsche Bibliothek,
02/XIII.6.2.87) besteht aus ungebundenen Lagen, so dass sich die seltene
Gelegenheit bietet, alle 28 Kupferstiche nebeneinander zu präsentieren.
Hinter dem wortreichen barocken Doppeltitel Cor laetificans Castrum
Doloris Christo redemtoris Oder Hertz-erquickende Trauer-Bühne Dem
Erlöser Menschlichen Geschlechts Christo Jesu verbirgt sich eine Folge von
Emblemen, mit erläuternden Texten versehene Sinnbilder, die die Passion
Christi vom Letzten Abendmahl bis zur Grablegung vergegenwärtigen.
Der Titel erklärt sich daher, dass Embleme häufig als Schmuck
an so genannten 'Castra doloris' oder 'Trauergerüsten' angebracht wurden.
Es waren dies pompöse Aufbauten, die aus Anlass des Todes hochgestellter
Persönlichkeiten insbesondere im 17. und 18. Jhdt. häufig in Kirchen
errichtet wurden; zumeist aus leichten Materialien wie Brettern, Pappe und
Tuch, da solche Ensembles rasch aufgebaut werden mussten und ohnehin nicht
für dauerhafte Aufstellung bestimmt waren. Die Embleme des vorliegenden
Buches könnte man also, so der Titel, als Schmuck eines zu Ehren Christi
errichteten Castrum doloris verwenden. Freilich wird dieses Castrum doloris
für Christus im Buch nie als Ganzes dargestellt: Es bleibt rein
imaginär bzw. wird nur "in dem Hertzens-Tempel andächtiger Christen"
(so die Titelseite) errichtet.
Die bildliche Umsetzung der von einem
nicht namentlich genannten "hochgelehrten Herrn und Patron" konzipierten
Embleme erfolgte durch den Goldschmied und Grafiker Johann Andreas Thelott
(1655-1734), der einer namhaften, ursprünglich aus Dijon stammenden
Künstlerfamilie angehörte, die seit 1585 in Augsburg nachweisbar ist.
Paul von Stetten nannte ihn in seiner Kunst-, Gewerb- und Handwerks-Geschichte
der Reichs-Stadt Augsburg (1779) sogar den "berühmtesten Augsburger
Künstler in getriebener Arbeit". Die qualitätvollen Kupferstiche nach
Thelotts Vorlagen fertigten der Verleger Johann Christoph Kolb und sein bislang
wenig bekannter Schwager Johann Böcklin.
Die Ausstellung umfasst
neben den 29 Kupfertafeln (27 Embleme, Titelkupfer, Porträt des
Widmungsträgers, Kaiser Josephs I.) einige ausgewählte Textseiten des
Buches sowie eine Vitrine, die den Kontext (Emblem, Castrum doloris)
erläutert.