
"... auf ihres Körpers Wohl und Bildung seht ihr nicht"
Schulsport in Deutschland 1770 - 2000
Ausstellung anlässlich des 2. Deutschen Sportlehrerkongresses
Max-Gutmann-Sporthalle, Sportzentrum der Universität
Augsburg
07.04.2000 - 13.04.2000; 02.05. - 12.05.2000
Pädagogische Gymnastik bei den Philanthropen
Die Philanthropen ("Menschenfreunde") um Johann Christoph Friedrich
GutsMuths (1759-1839) gelten als Wegbereiter neuzeitlicher schulischer
Leibeserziehung.
Den von den Ideen der Aufklärung beeinflussten
Reformpädagogen geht es um eine "Verbesserte Erziehung" von Söhnen
des Bürgertums. Leibesübungen ("Gymnastik") sind integraler
Bestandteil dieser der jugendlichen Entwicklung angepassten, auf Vernunft
bauenden, aber auch auf berufliche Brauchbarkeit (Nützlichkeit) zielenden
ganzheitlichen Erziehung: durch umfassende Bildung des Körpers soll der
vervollkommnete Mensch irdisches Glück erleben.
An den
"Philanthropinen" z.B. in Dessau und Schnepfenthal werden täglich
volkstümliche Übungen gepflegt wie Laufen, Springen, Werfen,
Klettern, Ringen, Balancieren und Tragen, dazu Schwimmen, Eislaufen,
Voltigieren, sowie Spiele, Gartenbau, Handwerk und Wanderungen.
Nach 1800
geraten die Philanthropen als "Projektemacher" in der öffentlichen Meinung
in Misskredit und kommen außer Mode. Die neue Bildungsphilosophie des
Neuhumanismus will nicht mehr zum "Bürger", sondern zum "Menschen"
erziehen.
Mobilisation der Massen durch Turnvater Jahn
Friedrich Ludwig Jahn (1778-1852), Gründer der deutschen
Turnbewegung, will mit seiner "deutschen Turnkunst" Körper und Charakter
des ganzen (männlichen) Volkes bilden, seine physische und moralische
Kraft (Wehrhaftigkeit) stärken und zugleich Standesunterschiede und
Kleinstaaterei in Deutschland überwinden.
1811 eröffnet Jahn in
der Berliner Hasenheide den ersten öffentlichen Turnplatz für seine
Leibesübungen im Freien. Turnen, eine deutschtümelnde
Wortschöpfung Jahns, soll durch einheitliche Turnkleidung, Riegenturnen,
Turnfahrten und -lieder, Massenwettkämpfe und -siegerehrungen
Gemeinschaftsbewusstsein und patriotische Gesinnung stärken.
Im Zuge
der Restaurationspolitik wird öffentliches Turnen von 1820-1842 verboten
(Turnsperre), die Turner als potentielle Aufrührer und Revoluzzer verfolgt
und eingekerkert.
Der Methodiker und Systematiker Adolf Spieß
(1810-1858) passt das Jahnsche freie Turnen an die Zeitbedürfnisse
Gehorsam und Ordnung an und schafft durch einen streng reglementierten Kanon
von Kommandos disziplinierende "Frei"-Übungen zur schultauglichen
Körperertüchtigung.
Turnen wird obligatorisches Schulfach
1803/04 tauchen erstmals in bayerischen Lehrplänen
"Körperübungen" auf, doch bis zum obligatorischen Schulfach - durch
die Turnsperre stagniert die Entwicklung - vergehen noch Jahrzehnte. Selbst in
Bayern, wo die Turnsperre bereits 1826 aufgehoben wird und König Ludwig I.
sich persönlich für die öffentliche Förderung von Turnen
und Schwimmen einsetzt (u.a. 1828 Gründung der Kgl. Öffentlichen
Turnanstalt in München), wird Turnunterricht (nach preußischem
Vorbild) erst 1861 verbindlich vorgeschrieben, zunächst in den
höheren Jungenschulen, später in den Volksschulen und
schließlich in den Mädchenschulen.
Die idealistischen
Vorstellungen einer ganzheitlichen Menschenbildung werden von Zielen wie
Gesundheitsförderung und Erziehung zu (militärischer) Disziplin und
Ordnung abgelöst. Bis zum Ende der Kaiserzeit turnen die Zöglinge
i.d.R. klassenweise nach dem Spießschen System in der vereinfachten Form
von Alfred Maul (1828-1907). Schon früh wird die Notwendigkeit einer
eigenen Turnlehrerausbildung erkannt und 1848 in Berlin die
Zentral-Turnanstalt, 1872 in München die Zentralturnlehrerbildungsanstalt
gegründet.
Homo ludens oder Deutsche Spielbewegung und "English sports"
Die Vernachlässigung von Spielen und Leibesübungen im Freien
durch Spieß führt zur Reform des schulischen und
außerschulischen Turnens. Ausgehend von Braunschweig - Konrad Koch (1846
-1911) pflegt dort nicht nur die alten Jahnschen Turnspiele wie Schlagball,
Barlaufen oder Kettenreißen, sondern führt ab 1874 auch das
Fußballspiel und andere englische Spiele ein - wird der Typus des noch
heute gebräuchlichen Sportspiels entwickelt.
Fußend auf dem
"Goßlerschen Spielerlass" des preußischen Kultusministers von 1882
wird 1891 der "Zentralausschuss zur Förderung der Volks- und Jugendspiele
in Deutschland" gegründet, der von Anfang an auch die Mädchen
berücksichtigt. Die Turner, geprägt von strenger Haltung, geregelter
Gemeinschaft, nationalpatriotischem Bekenntnis zu Kaiser und Vaterland, sehen
sich (zu Recht) durch den "undeutschen" Sport von der Insel mit seiner
Ausrichtung auf individuelle Höchstleistung (Rekord) und Wettkampf
bedroht.
Turnunterricht in der Weimarer Republik
Der wirtschaftlichen Baisse ungeachtet beginnen Turnen und Sport in den
Goldenen Zwanzigern ihren beispiellosen Aufschwung zur Massenbewegung.
Das
zu formalistischen Ordnungs-, Frei- und Haltungsübungen erstarrte
Schulturnen der Kaiserzeit wird unter dem Einfluss des "Natürlichen
Turnens" der beiden österreichischen Schulturnreformer Karl Gaulhofer und
Margarete Streicher überwunden und durch eine ganzheitliche,
natürliche "Leibeserziehung" als Teil der Gesamterziehung ersetzt.
Spielnachmittage, Wandertage, Rudern und Skilauf (Freilufterziehung)
einerseits, Körperschule, Gymnastik und (Ausdrucks-) Tanz (vor allem im
Mädchenturnen) andererseits, gehören nun ebenso zum Turnunterricht
wie ein florierendes Wettkampfwesen in den verschiedenen Sportarten, die nun
gleichberechtigt nebeneinander bestehen.
Auf der 1920 in Berlin
einberufenen Reichsschulkonferenz wird sogar die Reifeprüfung im
künftigen Hauptfach Turnen gefordert und die "tägliche Turnstunde"
als Zielsetzung verabschiedet.
Politische Leibeserziehung im Nationalsozialismus
Die Diktatur des Dritten Reiches macht die schulische Leibeserziehung
zum "Staatsfach" und grundlegenden, untrennbaren Bestandteil der
nationalsozialistischen Gesamterziehung zu den die Nation tragenden Werten
Volksgemeinschaft, Wehrhaftigkeit, Rassebewusstsein und Führertum.
Fünf Wochenstunden Körperertüchtigung mit Schwerpunkt Kampfsport
bei den Jungen und Mädeltanz bei den Mädchen sollen die Jungen zu
harten, wehrtüchtigen Soldaten, die Mädchen zu gebärfreudigen
gesunden Müttern erziehen.
Tatsächlich aber verarmt das
schulische Sportleben durch den erzwungenen Verzicht auf den Spielnachmittag
und das Verbannen des Wettkampfsports in die nationalsozialistischen
Jugendorganisationen.
Und der Anspruch der Ideologie scheitert an der
politischen Wirklichkeit des Krieges: Bereits seit 1937 ist jeglicher
Turnhallenbau untersagt und die bestehenden Hallen dienen bald nicht mehr dem
Schulsport, sondern als Getreidespeicher und Lazarette.
Entpolitisierung des Sportunterrichts im Westen - Umpolung im Osten
Nach dem Krieg etabliert sich in Westdeutschland der Sportunterricht
wegen seiner hohen gesundheitlichen Bedeutung erneut, wenn auch unter
einfachsten Verhältnissen. Intensiv wird Sportstättenbau betrieben,
um Raumnot und Gerätemangel zu beheben.
Die Lehrpläne
orientieren sich zunächst am harmonischen, ganzheitlichen Menschenbild der
Weimarer Zeit, betonen dann das Leistungsprinzip (Wettbewerb "Jugend trainiert
für Olympia" 1969 ff.), entdecken mit Lernzielorientierung und
Curriculumtheorie den gesellschaftlichen Bezug des Schulsports und
schließlich sogar den Schüler mit seiner Begabung und Neigung
(Differenzierung).
In Ostdeutschland richtet sich die Körpererziehung
fast nahtlos am sowjetischen Vorbild und an gesellschaftspolitischen Zielen
aus: Leistung, Pflicht und Disziplin. In KJS = Kinder- und Jugendsportschulen
wird der leistungssportliche Nachwuchs getrimmt. "Turnen" dient ab 1956 der
patriotischen Erziehung eines zur Arbeit, zur Verteidigung und zum Klassenkampf
bereiten Kollektivs und Schulsport als Teilbereich von "Körperkultur und
Sport" gilt ab Mitte der 60er Jahre wieder als ideologische Schule der
Arbeiterklasse.
Fit for fun oder fun statt fit
Im heutigen Differenzierten Sportunterricht ist alles möglich, aber
nichts geht mehr. Der "Bewegungssupermarkt" Schulsport bietet alles, was gut
und gängig ist: Traditions- neben Trendsportarten, Bewegungskünste
und New Games, Wettkampf- oder Gesundheitssport - anything goes - aber bitte
nicht mehr als zwei Stunden die Woche!
Nie war die Diskrepanz zwischen
Anspruch und Realität so groß wie heute. Sportunterricht soll Kinder
und Jugendliche stark machen in jeder Hinsicht, soll ihre sensorische,
motorische, soziale und emotionale Entwicklung fördern, Schwächen
ausgleichen, Fehlentwicklungen reparieren, soll neue Körper- und
Bewegungserfahrungen vermitteln, vor Unfällen, Zivilisations-, Haltungs-
und anderen Schäden bewahren, fit und Spaß machen, nur eines soll er
nicht: Zeit und Geld kosten. Kürzung der Sportstunden, Einstellungsstopp
für Sportlehrer, das bayerische Kooperationsmodell "Schule und
Sportverein" eine Mogelpackung, der Superlehrplan für die Schublade?
Maria Huber