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Ex Libris


KLEINE AUSSTELLUNG

exlibris_300

Ex Libris : Bücher und ihre Vorbesitzer

Zentralbibliothek, Eingangshalle
17.11.2006 - 29.01.2007
Mo - Fr: 8.30 - 22.00 Uhr, Sa: 9.30 - 17.00 Uhr


Nicht nur mit der Oettingen-Wallersteinschen Bibliothek, sondern auch mit der Bibliothek der Philosophisch-Theologischen Hochschule Freising und der Bib­liothek der Pädagogischen Stiftung Cassianeum gelangten wertvolle Altbestände an die UB Augsburg.

Häufig verraten handschriftliche Vermerke, Exlibris u.ä. noch etwas über das frühere Geschick dieser Bücher. Die Ausstellung veranschaulicht dies anhand einiger Beispiele, u.a. aus bayerischen Klöstern, deren Bibliotheken im Zuge der Säkularisation aufgelöst wurden.

Ein besonders reizvolles Exlibris (siehe Abbildung oben) schmückt z .B. mehrere Bände aus Freising. Die zugehörige Inschrift ‚ALBERTUS KIRCHMAYER CAN[onicus] R[egualris] W[eiarnensis] PROF[essor] RHET[oricae]’ verweist auf Albrecht (Albert) Kirchmayer, einen 1745 in Farchant geborenen Augustiner-Chorherrn aus dem oberbayerischen Kloster Weyarn. Im Zusammenhang mit einer Verordnung des Jahres 1781, derzufolge bayerische Klöster Lehrpersonal für staatliche Schulen stellen mussten, wurde Kirchmayer im gleichen Jahr nach München berufen. Er wirkte dort als Rhetoriklehrer und ab 1791 auch als Rektor am „kurfürstlichen Schulhause“, das aus einem Gymnasium (dem späteren Wilhelmsgymnasium) und einem Lyzeum be­stand. (Ein Lyzeum war eine sich an das Gymnasium anschließende Einrichtung für philosophische und theologische Studien, von der Funktion her den entspre­chenden Fakultäten einer Universität vergleichbar.)

Kirchmayer scheint im Um­gang mit seinen Schülern keinen großen Wert auf strenge Disziplin gelegt zu ha­ben; so wird überliefert, es habe ihn nicht bekümmert, „wenn die Studenten ihm beim Mantelanziehen behilflich waren und dabei Unfug trieben oder gleich gar eine Litanei auf ihn, ‚das lebendige Bierfassl’, machten, mit dem Refrain ‚Sauf für uns’“ (Lurz). Trotz derartiger Anekdoten kann kein Zweifel daran bestehen, dass Kirchmayer äußerst aufgeschlossen war für die verschiedensten geistigen Strö­mungen seiner Zeit. Davon zeugt allein die beachtliche Bibliothek, die er in seinen Münchener Jahren zusammentrug.

Das Exlibris, mit dem er die Bände dieser Bibliothek kennzeichnete, zeigt die Mu­sen; eine andere Deutung ist kaum möglich, auch wenn nur sieben Figuren zu zählen sind. Im Hintergrund scharen sich die Musen am Berg Helikon um die Quelle Hippokrene; auf dem Gipfel der Berges Pegasus, durch dessen Hufschlag die Quelle entstand; neben ihm die Sonne als Hinweis auf den Musenführer Apollo. Da ein besonderer Bezug zu der auf dem Exlibris angegebenen Tätigkeit Kirchmayers zu erwarten ist, handelt es sich bei der Figur im Vordergrund wohl um Kalliope oder Polyhymnia, die gelegentlich als Musen der Rhetorik apostro­phiert wurden.

Für den Entwurf zu seinem Exlibris wandte sich Kirchmayer an den 1738 in Eich­stätt geborenen kurfürstlichen Hofmaler Christian Thomas Wink, der auch Buch­schmuck für mindestens eine Publikation Kirchmayers schuf (Johann Georg Sulzers Theorie der Dichtkunst. Zum Gebrauch der Studirenden bearbeitet, 2 Bde., München1788/89). Wink arbeitete für das Hofoperntheater und die Gobelinmanufaktur; daneben entstanden zahlreiche Ölbilder und Fresken für geistliche und weltliche Auftraggeber. Insbesondere aufgrund seiner Fresken (vor allem im oberbayeri­schen Raum; daneben einzelne Aufträge in Niederbayern, Bayerisch-Schwaben und Oberösterreich) zählt er zu den bedeutendsten altbayerischen Malern des ausgehenden 18. Jahrhunderts.

In den Jahren, die für die Entstehung des Exlibris in Frage kommen (die streng klassizistische Ornamentik legt die späten 1780er bzw. frühen 1790er Jahre nahe), hatte der Rückgang kirchlicher Arbeiten den Maler bereits ins große wirtschaftliche Schwierigkeiten gebracht, so dass er wohl auch für kleinste Aufträge dankbar war. Wie sehr Winks Auskommen an Kir­chenausstattungen gebunden war, geht anschaulich aus einem Brief aus dem Jahr 1784 hervor, in dem er den Kurfürsten um ein regelmäßiges Gehalt bittet und, „weil [in München] die Wohnungen sehr hoch zu stehen kommen“, um Berück­sichtigung bei der Zuteilung einer günstigen Wohnung: „Da man aber itzo an­fängt in die Kirchen und Klöster beynahe gar keine Arbeiten mehr zu bestellen, so kann ich ganz leicht voraussehen, dass für mich üble Zeiten eintretten, und mich noch in meinen zukünftigen älteren Jahren Kummer und Noth überfallen wer­den.“ Die traurige Prophezeiung sollte sich als zutreffend erweisen; Wink starb 1797 verarmt in München.

Die Umsetzung der Winkschen Vorlage in eine Druckgraphik erfolgte durch den 1758 in München Joseph Peter Paul Rauschmayr, kunstgeschichtlich weit weniger bedeutend, aber biographisch nicht uninteressant. Naglers Neues allgemeines Künstler-Lexicon vermerkt: “Obgleich zum geistlichen Stande berufen, widmete er doch jede Nebenstunde der Kupferstecherkunst, worin er sein eigener Lehrer war, und Ruf erlangte. König Maximilian von Bayern würdigte ihn der be­sonderen Gnade.“ Rauschmayr stach Porträts (u .a. von Mitgliedern des bayeri­schen Herrscherhauses) und Landschaften, versuchte sich auch in der damals eben erst entwickelten Kunst der Lithographie und wirkte daneben als Seelsorger in Feldmoching, Peterskirchen und zuletzt, von 1814 bis zu seinem Tod 1815, als Dompfarrer in Augsburg.

Um diese Zeit, im Jahr 1814 starb auch Albrecht Kirchmayer, der seine letzten Jahre in seinem Heimatkloster und als Pfarrvikar in Osterwarngau verbracht hatte. Was wurde aus seiner Bibliothek?

Als Kirchmayer 1794 aus München nach Weyarn zurückkehrte, fanden die Bücher (zumindest teilweise) auf der Galerie der Klosterbibliothek ihren Platz. Und hier, im inzwischen säkularisierten Kloster, bewunderte Johann Christoph Freiherr von Aretin, unterwegs, um aus Klosterbibliotheken Bestände für die Hofbibliothek in München auszuwählen, diese „auserlesene Büchersammlung des als Professors und Schriftstellers rühmlich bekannten hiesigen Klostergeistlichen …, der kein einziges mittelmäßiges Geistesprodukt in seine Sammlung aufnahm“. Aretin wusste, dass er diese aus Privatvermögen erworbenen Bücher seines ehemaligen Lehrers (in die überdies „der Name des Besitzers überall eingedruckt“ war) nicht einfach beschlagnahmen konnte; doch dann überraschte ihn Kirchmayer „mit der patriotischen und großmüthigen Erklärung, dass er sich ein inniges Vergnügen daraus mache, dem allgemeinen Besten ein freywilliges Opfer darzubringen, und dass er für seine mit so vieler Mühe und Sorgfalt gesammelte Bücher keine bes­sere Bestimmung wisse, als sie der öffentlichen Benutzung zu weihen.“ Deshalb, so Aretin, kam es in diesem Kloster zu einem Zugewinn an neuer Literatur, „als wir nicht leicht in einer andern Klosterbibliothek werden [machen] können“. Ganz uneigennützig war die großzügige Geste nicht: Kirchmayer versuchte da­durch wohl den Weg zu einer Rückkehr ins staatliche Schulwesen zu ebnen; eine Hoffnung, die sich nicht erfüllte.

Gänzlich in staatlichen Besitz ging Kirchmayers Bibliothek bei dieser Gelegenheit nicht über. Die von Aretin geleitete Kommission wählte Bücher im Wert von 3000 fl aus; ca. 1800 weitere Bände verkaufte Kirchmayer 1805 an die Hofbibliothek in München. Die ca. 4000 bei seinem Tod noch vorhandenen Bände gelangten über Zwischenstationen in Schliersee und Miesbach in die Dombibliothek in Freising. Die heute an der UB Augsburg aufbewahrten Bände gehörten, wie mehrere Exlib­ris belegen, im frühen 19. Jahrhundert zur Bibliothek des Gymnasiums und Ly­zeums in München (der Nachfolgeinstitution des „kurfürstlichen Schulhauses“, in dem Kirchmayer gelehrt hatte) und fanden dann über die Lyzeen in Landshut und Freising und die Philosophisch-Theologische Hochschule in Freising den Weg nach Augsburg.

 

Aretin, Johann Christoph von: Beyträge zur Geschichte und Literatur … Erster Band, Zweytes Stück, München 1803
Signatur UBA: 01/AM 85000 A683-1

Clementschitsch, Heide: Christian Wink, 1738 – 1979, Wien 1968

Lurz, Georg: Die bayerische Mittelschule seit der Übernahme durch die Klöster bis zur Säkularisation, Berlin 1905 (Beiträge zur Geschichte der Erziehung und des Unterrichts in Bayern ; 6)
Signatur UBA: 01/DD 1000 B422-5.6

Nagler, Georg K.: Neues allgemeines Künstler-Lexicon, 2. Aufl., Linz 1907 ff.
Signatur UBA: 11/LH 13100 N149(2)-1 ff.

Sepp, Florian: Weyarn : Ein Augustiner-Chorherrenstift zwischen Katholischer Reform und Säkularisation, München 2003 (Studien zur altbayerischen Kirchengeschichte ; 11)
Signatur UBA: 75/BO 1520 A465-11