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Metamorphosen


KLEINE AUSSTELLUNG

Metamorphosen

Zentralbibliothek, Eingangshalle
13.09. - 30.11.2005
Mo - Fr: 8.30 - 22.00 Uhr, Sa: 9.30 - 17.00 Uhr


Arachne, stolz auf ihre Kunstfertigkeit als Weberin, fordert Athene zu einem Wettkampf heraus, der ihr Leben verändern wird ... 

Die Zauberin Circe rächt sich auf schreckliche Weise an ihrer Rivalin Scylla ...

Ein Myrrhenbaum gebiert einen schönen Jüngling ...

Nach dem Tod des scharfsichtigen Argus findet Juno eine neue Verwendung für dessen Augen ...

Die Mythen, die Ovid vor etwa 2000 Jahren in seinen Metamorphosen erzählt hat, haben im Laufe der Jahrhunderte zahllose Künstler inspiriert. 14 deutsche, italienische, französische und niederländische Drucke des 16. - 18.Jhdts. vermitteln nun in der Zentralbibliothek einen Eindruck davon, welche Spuren die Metamorphosen in der Buchillustration hinterlassen haben. 


Die Geschichte der Metamorphosen-Illustration im Buchdruck beginnt 1484 mit einer Ausgabe Colard Mansions, des ersten in Brügge tätigen Druckers, der damit offenbar seinen finanziellen Ruin herbeiführte. Eine in der Folgezeit viel verwendete bzw. kopierte Illustrationsserie entstand dann gegen Ende des Jahrhunderts in Venedig. Die Metamorphosen wurden dort seit 1472 (meist lateinisch) gedruckt; aber erst dem 1497 datierten frühesten Druck der italienischen Übersetzung des Giovanni di Bonsignori (ca. 1375/77) durch Giovanni Rosso (für den Verleger Lucantonio Giunta) wurden Holzschnitte beigegeben. Sie wurden angefertigt von mindestens zwei Formschneidern nach Zeichnungen eines unbekannten Künstlers und sind stilistisch verwandt mit den Holzschnitten in der berühmten Ausgabe des Aldo Manuzio von Colonnas Hypnerotomachia Poliphili (1499). Die Blöcke gelangten nach Parma, wo Francesco Mazzali 1505 zwei weitgehend identische lateinische Metamorphosen damit schmückte, die zugleich den 1492 erstmals veröffentlichten und während des 16. Jhdts. sehr populären Kommentar des Raphael Regius boten (spätere der beiden Ausgaben: UBA 02/I.5.2.150). Bis in die 1520er Jahre waren die Blöcke dann wieder in venezianischen Druckereien im Einsatz; die meisten mussten aufgrund der Abnutzung freilich nach und nach ersetzt werden.

Sehr früh wurde diese Serie auch nachgeschnitten; in Italien beherrschte sie die illustrierten Metamorphosen bis ca. 1570. Die Ausstellung dokumentiert dies durch Drucke des Giovanni Tacuino (Venedig 1513, UBA 02/II.5.2.95) und Bernardino Bindoni (Venedig 1548; UBA 02/II.5.4.38). Der Text der letzteren Ausgabe ist die erstmals 1522 erschienene italienische Übersetzung des Niccolò degli Agostini, die sich rasch als Standard etablieren konnte.

In Lyon setzte die Rezeption der venezianischen Bildserie ein mit der 1510 von Claude Davost für Stéphane Gueynard gedruckten Ausgabe (UBA 02/II.5.4.104); bis 1532 folgten in Lyon ca. 10 weitere Metamorphosen, die auf die venezianischen Erfindungen von 1497 zurückgriffen.

Illustriert ist auch die erste deutschsprachige Druckausgabe der Metamorphosen, erschienen 1545 und in zweiter Auflage 1551 (UBA 02/II.5.2.97) in der Mainzer Offizin des Ivo Schöffer. Dieser hatte 1531 die florierende Offizin seines Onkels Johann Schöffer übernommen, dessen Vater Peter in den ersten Jahren des Buchdrucks mit Gutenberg und Fust zusammengearbeitet hatte. Die deutsche Bearbeitung des Textes stammt von Jörg Wickram, der seinerseits auf die heute nur in Fragmenten erhaltene Fassung Albrechts von Halberstadts (ca. 1190/1210) zurückgriff. Wickram, der ein umfangreiches erzählerisches und dramatisches Werk hinterließ, lieferte auch die Vorlagen für die volkstümlichen und mitunter derben Holzschnitte der Schöfferschen Drucke.

Erstmals 1557 erschienen die von dem Lyoner Bernard Salomon entworfenen Holzschnitte, die in der Folgezeit u.a. dem Nürnberger Virgil Solis als Vorlage dienten, dessen Serie z.B. die 1575 von Georg Corvinus (Rab) in Frankfurt a. M. gedruckten Metamorphosen illustriert (UBA 02/II.5.8.277). Stark vereinfacht finden sich die Kompositionen Salomons auch in der Oktavausgabe einer französischen Prosaübersetzung, die 1601 in Rouen bei Theodore Reinsart erschien (UBA02/II.5.70).

1677 publizierte Francois Foppens in Brüssel eine mit Kupferstichen ausgestattete Ausgabe in repräsentativem Folioformat, die neben dem lateinischen Text die Übersetzung des im 17.Jhdt. sehr geschätzten Pierre Du Ryers enthält, dessen Dramen zeitweise mit denen Corneilles verglichen wurden (UBA 02/II.5.2.1). Zahlreiche dieser Illustrationen wurden nach Vorlagen verschiedener Künstler von holländischen Stechern angefertigt, die bei Erscheinen des Buches längst verstorben waren (Magdalena de Passe, Crispijn des Passe, Willem de Passe, Theodor Matham, Frederic Bloemart); andere wurden offenbar unmittelbar vor Erscheinen des Buches von Antwerpener Künstlern (u.a. Martin Bouche) gestochen, wohl großenteils nach Zeichnungen von Hendrik Abbé. Der Zyklus besteht somit aus zwei Gruppen, deren stilistische Unterschieden leicht erkennbar sind: Den älteren kleinteilig ausgearbeiteten holländischen Stichen stehen die eher flott-großzügigen neuren Antwerpener Arbeiten gegenüber. (Ausgestellt ist ein Stich aus der älteren Gruppe, den Magdalena de Passe nach dem heute im Kölner Wallraff-Richartz-Museum befindlichen Gemälde ‚Juno und Argus’ von Peter Paul Rubens anfertigte.) Es ist zu vermuten, dass die älteren Illustrationen für eine nicht zustandegekommene Ausgabe der Metamorphosen vorgesehen waren. Die Platten gelagten offenbar in den Besitz des Brüsseler Verlegers, der sie dann durch zeitgenössische Antwerpener Arbeiten ergänzen ließ und für seine eigene Veröffentlichung nutzte.

Auf die Illustration der Brüsseler Metamorphosen griffen J.Wetstein und W.Smith zurück, als sie 1732 in Amsterdam eine zweisprachige Ausgabe veröffentlichten (UBA 02/II.5.2.2). Sie stellte dem lateinischen Original die neue niederländische Übersetzung von Isaak Verburg (Rektor der Lateinschule Amsterdam) gegenüber. Die Nachstiche besorgten, wie das Buch angibt, „Bernard Picart en andere voorname Meesters“. Es ist nicht auszuschließen, dass 1732 auch noch einige der Brüsseler Platten erhalten waren und für den Neudruck nur überarbeitet wurden.

Eine besonders umfangreiche und in Frankreich und den Niederlanden viel kopierte Serie schufen Sébastien Le Clerc  und Francois Chauveau für den 1676 von Isaac de Benserade in Paris veröffentlichten Ovide en rondeaux. In die späte Rezeptionsgeschichte dieser Serie gehören die Illustrationen der 1712  bei Jean-Francois Broncart in Paris und Lüttich verlegten französischen Übersetzung des Geistlichen Jean-Baptiste Morvan de Bellegarde (UBA 02/II.5.5.282).

Strukturell verschieden von allen bisher genannten Illustrationen sind die Kupferstiche in der 1674 in Lyon bei Claude de la Roche erschienenen Übersetzung Du Ryers (UBA 02/II.5.8.713) : Jedem der 15 Bücher der Metamorphosen ist ein Stich vorangestellt, auf dem mehrere im betreffenden Buch erzählte Begebenheiten in einem  einheitlichen Landschaftsraum angesiedelt sind.

 

Literatur:

Henkel, M.D.: Illustrierte Ausgaben von Ovids Metamorphosen im XV., XVI. und XVII. Jahrhundert, in:Vorträge der Bibliothek Warburg 1926 – 1927 (1930), S.58-144

Blattner, Evamaria: Holzschnittfolgen zu den Metamorphosen des Ovid : Venedig 1497 und Mainz 1545, München 1998 (Beiträge zur Kunstwissenschaft ; 72)