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Macklin's Bible


 KLEINE AUSSTELLUNG

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Macklin's Bible

Zentralbibliothek, Eingangshalle
24.11.2005 - 29.01.2006
Mo - Fr: 8.30 - 22.00 Uhr, Sa: 9.30 - 17.00 Uhr


Die von dem Londoner Kunsthändler Thomas Macklin Ende des 18. Jhdts. publizierte Bibel darf sicher einen Ehrenplatz in der Geschichte des Bibeldruckes beanspruchen, sowohl aufgrund des außergewöhnlichen Formats (ca. 50 x 40 cm) als auch im Hinblick auf Typographie und Illustration.

Die Anfänge des um 1752/53 geborenen Macklin liegen weitgehend im Dunkeln. Berichten eines Freundes zufolge war er zuächst Schiffsjunge und dann Vergolder von Bilderrahmen; die Technik des Kupferstichs soll er von dem Florentiner Fran­cesco Bartolozzi gelernt haben, der seit 1764 in London tätig war und zu einem der gefragtesten Druckgraphiker des Landes aufstieg. 1779 jedenfalls er­öffnete Macklin seine Kunsthandlung in London, und 1787 kündigte er das erste seiner ehrgeizigen Projekte an: Er plante, 100 Gemälde zu berühmten Werken der engli­schen Literatur in Auftrag zu geben, die zugleich als Druckgraphiken Verbreitung finden sollten. Namhafte Maler lieferten Beiträge zu dieser 'Poet's Gallery', die freilich die finanziellen Möglichkeiten Macklins und seines Geschäftspartners Thomas Wilson zuletzt doch überstieg, zumal der Krieg mit Frankreich den Export von Druckgraphik auf den Kontinent behinderte. Immerhin erschienen in den Jahren 1788 - 1799 sechs Folgen zu je vier Stichen, die meisten ausgeführt von Bartolozzi.

Bereits 1789 warb Macklin für eine weiteres aufwändiges Projekt: Eine Bibel im Großfolioformat, deren Kupferstichillustrationen auf speziell zu diesem Zweck in Auftrag gegebenen Gemälden basieren sollten. Ganz abgesehen vom verlegerischen Risiko war ein solches Vorhaben mit einem spezifisch britischen Problem verbunden: Seit den Tagen von Königen Elizabeth I. war der Bibeldruck aufgrund besonderer Privilegien einzelnen Familien bzw. Druckereien vorbehalten. Macklin wandte sich zwar an eine dieser Institutionen, die Druckerei der Universität Oxford, und bat um Druckerlaubnis, doch wurde seinem Wunsch nicht entsprochen. Daraufhin griff er zu einem Trick, mit dem bereits viele seiner Kollegen das Druckprivileg erfolgreich ausgehebelt hatten: Man fügte dem Bibeltext Erläuterungen hinzu und erklärte, das Endprodukt sei keine Bibel im eigentlichen Sinn, sondern vielmehr ein Bibelkommentar. Freilich verwendete man auf diese Erläuterungen, die ja nur Mittel zum Zweck waren, meist geringe Sorgfalt, und so beschränkte sich auch Macklin auf wenige kurze Anmerkungen, die außerdem so weit am Seitenrand platziert waren, dass sie nach dem damals üblichen Beschneiden der Blätter vor dem Binden meist verschwunden waren.

Wohl 1791 (dieses Jahr ist auf der Seite mit der Widmung an König Georg III. angegeben) begann Thomas Bensley mit dem Druck der ersten Bögen der Bibel, deren Subskriptionsliste vom König, der Königein und dem Prinzen von Wales angeführt wurde und immerhin den Absatz von ca. 700 Exemplaren garantierte. Für den Druck des Textes wurde eine von Jospeh Jackson speziell für die Bibel geschnittenen Antiquatype verwendet. Kaum war man freilich 1792 beim fünften Buch Moses angekommen, starb Jackson, und mit William Caslon III, dem Angehörigen einer namhaften Typographendynastie, der Jacksons Schriftgießerei gekauft hatte, wollte Bensley auf keinen Fall Geschäftsbeziehungen eingehen. Die Lösung bestand darin, dass Vincent Figgins eine ähnliche Type schnitt, mit der dann die verbleibenden Teile der Bibel gedruckt wurden. Figgins hatte zuvor selbst ein Auge auf Jackson Gießerei geworfen, dann aber, als er dem Rivalen Caslon weichen musste, einen eigenen Betrieb eröffnet, der zu den besten seiner Zeit gehörte. Zu den typographischen Besonderheiten der Bibel zählt, dass Wörter, die im Zuge der englischen Übersetzung zum besseren Textverständnis eingefügt worden waren, nicht wie üblich durch Kursive gekennzeichnet wurden. Um die feierlich-monumentale Wirkung des Schriftbildes nicht zu stören (oder, in Macklins eigenen Worten, "for the sake of typographical elegance"), wurden stattdessen nur höchst dezente Punkte unter dem jeweils ersten Vokal der betreffenden Wörter angebracht. Textgrundlage der Bibel war die englische Standardübersetzung der damaligen Zeit, die 1611 erstmals publizierte King James Bible oder Authorized Version.

Allen Schwierigkeiten zum Trotz erlebte das Vorhaben seine Vollendung. Den endgültigen Abschluss der Arbeiten erlebte Macklin freilich nicht, denn die letzten Illustrationen lagen erst wenige Wochen nach seinem Tod am 25.Oktober 1800 vor; und für die Hinterbliebenen bedeuteten Macklins Unternehmungen eine große wirtschaftliche Belastung – allein in die Bibel waren schätzungsweise £30,000 geflossen. Der finanziellen Misere war auch mit Gemäldeverkäufen nicht beizukommen, und es ist bezeichnend, dass z.B. um 1820 die Royal Academy zunächst ersucht werden musste, zum Lebensunterhalt von Macklins Tochter Hannah beizutragen, und dann wenig später um Begleichung der Begräbinskosten gebeten wurde.

Was den Buchschmuck der Bibel angeht, so begleiteten schließlich 72 ganzseitige Kupferstiche den Text sowie halbseitige Illustrationen jeweils am Beginn und am Ende der einzelnen Bücher der Bibel. Wem die Bebilderung nicht genügte, dem stand es frei, in sein Exemplar zusätzliche Bildtafeln einzubinden. Es haben sich mehrerer beträchtlich erweiterte Macklin-Bibeln erhalten, wobei Macklins Rivale Robert Bowyer (1758-1834), der selbst illustrierte Bibeln publizierte, besonderen Ehrgeiz entwickelte: Tausende von Drucken ließ er beibinden und für die so entstandenen 45 dickleibigen Bände einen speziellen Schrank anfertigen. Gerade im Hinblick auf Macklins Bibel erscheint die für heutige Begriffe befremdliche Idee, ein Werk der Buchkunst eigenmächtig zu verschönern, nicht ganz unverständlich. Die Kupfertafeln sind sehr ungleichmäßig über den Text verteilt, und das Gesamtkonzept der Bebilderung ist mitunter eigenwillig: Szenen, die in der Geschichte der Bibelillustration auf eine lange Geschichte zurückblicken, bleiben unberücksichtigt, während andererseits Bibelstellen mit einem Kupferstich gewürdigt werden, bei denen man es kaum erwarten würde.

Den umfangreichsten Beitrag zum künstlerischen Schmuck der Macklin-Bibel, nämlich die gemalten Vorlagen für 16 ganzseitige und die Zeichnungen für 111 halbseitige Kupferstiche, lieferte Philippe Jacques de Loutherbourg (1740 – 1812), der über Straßburg und Paris nach London gekommen war, wo er zunächst als Bühnenbildner und –techniker in Diensten des Schauspielers David Garrick Fuß gefasst hatte. Loutherbourg war eine ausgesprochen romantische Künstlernatur, wovon seine sublimen Landschaften ebenso zeugen wie seine Beteiligung an der Ausstattung von William Beckfords Fonthill Abbey; glücklicherweise durfte er für Macklin einige hochdramatische biblische Sujets bearbeiten, die seine Phantasie sichtlich beflügelten. Zwölf Gemäldevorlagen stammen von Hugh Douglas Ha­milton (1739 – 1808), der seine größten Erfolge in den 1790er Jahren in Dublin als Porträtist verbuchen konnte. Sieben Gemälde steuerte der ebenfalls vor allem als Porträtist geschätzte John Opie (1761 – 1807) bei, der zunächst eine Lehre in einem Sägewerk angetreten hatte, dann aber 1781 den Londonern als malendes "Wunder von Cornwall" präsentiert wurde. Auch unter den Künstlern, die sich mit weniger Gemälden beteiligten, finden sich bekannte Namen, die z.T. bereits an der 'Poets' Gallery' mitgewirkt hatten: etwa Benjamin West (1738 – 1820), der aus Pennsylvania stammende und in Rom geschulte Historienmaler, der in London bis zum Präsidenten der Royal Academy aufstieg; Angelica Kauffmann aus Chur (1741 - 1807), die lange Jahre in London ver­brachte und der Goethe ein "unglaubliches Talent" bescheinigte; oder der Schweizer Johann Heinrich Füssli (1741 – 1825), der seit 1764 in London lebte und dessen phantastische Gemälde zu den eigenwilligsten Schöpfungen ihrer Zeit zählen. Joshua Reynolds (1723 – 1792), der zu seiner Zeit berühmteste englische Maler und erste Direktor der Royal Academy, malte für Macklins Bibel eine von den Zeitgenossen viel bewunderte Heilige Familie, und unter buchgeschichtlichem Aspekt ist die Beteiligung Thomas Stothards (1755–1834) von Interesse. Dieser erntete zu seiner Zeit zwar auch einigen Erfolg als Historienmaler, blieb der Nachwelt aber letztlich vor allem als einer der produktivsten Buchillustratoren des späten 18. und frühen 19. Jhdt in Erinnerung.

Das aus der Oettingen-Wallersteinschen Bibliothek stammende Exemplar der Macklin-Bibel in der UB Augsburg ist leider ein - wenn auch gewichtiges - Fragment. Von den Kupfertafeln sind nur ca. zwei Drittel vorhanden. Ab dem Ende des Hohenliedes fehlen die Blätter, auf denen ein Buch endet und das folgende beginnt, was mit den halbseitigen Illustrationen zu Beginn und Ende der Bücher und damit dem dekorativen Wert dieser Blätter zu tun haben mag. Der Text des Neuen Testaments bricht im Markusevangelium unvermittelt ab; allerdings sind danach mehrere Kupfertafeln zu Büchern des Neuen Testaments angebunden, deren Text fehlt. Interessanterweise sind die beiden letzten Augsburger Bände mit diesen besonders auffälligen Fehlstellen wesentlich weniger aufwändig gebunden als die vorhergehenden und im Gegensatz zu diesen auch nicht beschnitten. Es scheint fast, als habe der fürstliche Sammler Kraft Ernst von Oettingen-Waller­stein, dem seine Bibliothek ansonsten durchaus am Herzen lag, das Interesse an der Macklin-Bibel verloren. Freilich können auch äußere Umstände (kriegsbedingte Lieferschwierigkeiten?) und spätere Eingriffe den heutigen Zustand erklären.

Literatur:

Christopher de Hamel: Das Buch. Eine Geschichte der Bibel. Berlin 2002
T. S. R. Boase: Macklin and Bowyer. In: Journal of the Warburg and Courtauld Institutes XXVI (1963), S.148-77
Oxford Dictionary of National Biography

Dr. Peter Stoll, Universitätsbibliothek Augsburg, 2005