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Musik in der Synagoge


KLEINE AUSSTELLUNG

Musik in der Synagoge

Zentralbibliothek, Eingangshalle
21.10. - 23.11.2004
Mo - Fr: 8.30 - 22.00 Uhr, Sa: 8.30 - 16.00 Uhr

Spätestens seit der Zerstörung Jerusalems und seines Tempels im Jahr 70 n. Chr. durch die Römer lebte ein Großteil des jüdischen Volkes unter dem Einfluss fremder Kulturen, zunächst vor allem in Spanien, Italien, Griechenland, in Nordafrika und in der Türkei.

Im Lauf der Jahrhunderte bildeten sich die beiden großen Gruppen jüdischer Bevölkerung in der Diaspora heraus, die sephardischen Juden im Mittelmeerraum und die aschkenasischen Juden, die um die Jahrtausendwende vor allem in Mitteleuropa und später auch in Osteuropa sesshaft wurden. Ihr Name geht der jüdischen Überlieferung zufolge auf Aschkenas zurück, einen Abkömmling Noahs, der im Rhein-Main-Donau-Gebiet gesiedelt haben soll. Während die liturgischen Gesänge der Sephardim bis heute an ihre ‚orientalische' Herkunft erinnern, nahmen die Aschkenasim über die Jahrhunderte hinweg immer wieder Elemente der westlichen Musik (bis hin zur Mehrstimmigkeit) auf.

Nach der Vertreibung der Juden aus Spanien (1492) und Portugal (1497), kam es erneut zu großen Wanderungsbewegungen u.a. nach Italien, in die Türkei, nach West- und Nordeuropa. Seit Mitte des 14. Jahr-hunderts war es auch in Mitteleuropa immer wieder zu Vertreibungen und Pogromen gekommen, Erscheinungen, die das Judentum in der Diaspora durch die Jahrhunderte begleiten sollte.

Die gesellschaftliche ‚Emanzipation' der Juden im 19. Jahrhundert ließ in den aschkenasischen Synagogen Reformtendenzen spürbar werden, die auch den liturgischen Gesang betrafen und eine stärkere Angleichung an die christliche Musikpraxis zum Ziel hatten. Die alten Weisen, die bis dahin nur mündlich überliefert worden waren, wurden jetzt erstmals aufgezeichnet und teilweise sogar im Druck zugänglich gemacht. Es entstanden zahlreiche Neukompositionen, die der reformierten Liturgie Rechnung trugen und sich am musikalischen Zeitstil von Klassik und Romantik orientierten. Der Synagogengesang näherte sich stilistisch dem der Kirche an. Es gab sogar Bestrebungen, die hebräischen Gebete in die jeweilige Landessprache zu übersetzen. Im Laufe des 19. Jahrhunderts hielt auch die Orgel Einzug in der Synagoge, die bis dahin allein der menschlichen Stimme vorbehalten gewesen war.

Erster und zugleich richtungweisender Protagonist dieser musikalischen Reformbewegung war der aus Hohenems in Vorarlberg stammende Salomon Sulzer (1804-1890), der fast 60 Jahre lang an der Wiener Synagoge in der Seitenstettengasse als erster Kantor wirkte. Seinem Beispiel folgten u.a. der aus Mittelfranken gebürtige Samuel Naumbourg (1817-1880) in Paris, Louis Lewandowski (1821-1894) in Berlin, der Sulzerschüler Osias Abraß (1820-1884) in Odessa und Moritz Deutsch (1818-1892) in Breslau.

Diesen und einigen anderen jüdischen Musikern ist unsere kleine Ausstellung gewidmet. Die zum Teil sehr seltenen Notenexponate - zumindest in Europa wird der aschkenasische Synagogengesang heute kaum mehr gepflegt - entstammen größtenteils der im Juli 1986 von der Universitätsbibliothek Augsburg erworbenen Musikbibliothek von Marcel Lorand (1911-1988), der in Budapest und Straßburg als Kantor wirkte.