Suche

Das Märchen von den sieben Raben


KLEINE AUSSTELLUNG

Das Märchen von den sieben Raben und der treuen Schwester
Zum 200.Geburtstag von Moritz von Schwind am 21.01.2004

Januar / Februar 2004

Zentralbibliothek, Eingangshalle
Mo - Fr: 8.30 - 22.00 Uhr, Sa: 8.30 - 16.00 Uhr

 

Es verwundert nicht, dass der Maler und Graphiker Moritz von Schwind (21.1.1804 Wien - 8.2.1871 München), dessen Schaffen tief in romantischem Gedankengut wurzelt, sich häufig mit Stoffen aus Märchen, Sage und Legende befasste. Das Märchen von den sieben Raben erwähnt Schwind erstmals am 2. Januar 1830 in einem Brief an Franz von Schober: "Wenn ich mich nur in eine passable Lage versetzen kann, um die Geschichte von den sieben Raben auszuführen; damit habe ich eine große Freude."

Am 29. September 1844 skizziert er den Inhalt in einem Brief an Bonaventura Genelli folgendermaßen: "Eine arme Mutter mit sieben Söhnen und einer Tochter läßt sich durch das Geschrei der Knaben nach Brot hinreißen, den Wunsch der Verwünschung auszusprechen, sie sollten lieber Raben geworden sein - worauf alle sieben als Raben beim Fenster hinausfliegen. Die Alte stürzt tot zu Boden, und das plötzlich verwaiste Mädchen läuft ihren geflügelten Brüdern in den Wald nach. Hier trifft sie eine Fee, die ihr sagt, sie könne ihre Brüder erlösen durch ein unverbrüchliches siebenjähriges Schweigen. Nebenbei solle sie für jeden der Brüder ein Hemd aus Disteln spinnen, weben und nähen ... Sie schlägt nun ihre Wohnung in einem hohlen Baume auf, die Kleider fallen mit den Jahren ab, und sie ist am Ende in ihre langen Haare gehüllt, auf denen die Sage sogar Moos wachsen lässt. Im sechsten Jahr findet sie ein junger Fürst, der [sich] auf der Jagd verirrt. Er entführt sie ihrem Baum, bringt sie auf sein Schloß, heiratet sie, und sie bringt Zwillinge zur Welt, die alsobald als Raben zum Fenster hinausfliegen. Als Hexe zum Feuertod verurteilt, vollendet sie im Kerker das letzte Hemd und wird den letzten Tag des siebenten Jahres schweigend zum Scheiterhaufen geführt. Da kommen aus dem Walde sieben junge Ritter [die erlösten Brüder], angeführt von der Fee, die die beiden Kinder auf dem Arme trägt [und die den verzauberten Brüdern zuvor die rettenden Hemden überbracht hat], und alles ist gut und aus. Es klingt wunderlich, aber doch glaube ich, daß es der Form und den einzelnen Szenen nach etwas geben wird, das Leuten, die für Liebe und Treue und etwas ‚Zaubernacht' Sinn haben, gefallen kann."

Dieser Handlungsverlauf, den Schwind eigener Aussage zufolge aus Erzählungen seiner Kindsfrau übernommen hat, verknüpft Hauptmotive aus zwei Märchen, die sich auch in den Märchensammlungen der Brüder Grimm und Ludwig Bechsteins finden ("Die sieben Raben", "Die sechs Schwäne"). Auch eigene Ideen hat er eingebracht: ".. und die Episode mit den Armen [die Schwester teilt nach der Heirat mit dem Fürsten Almosen aus] ist mir selber eingefallen und wird sich rechtfertigen lassen. Es ist nichts Fremdes der Geschichte aufgedrängt." (Brief an Bernhard Schädel, 11. November 1858)

Zwar haben sich vorbereitende Skizzen aus den Jahren 1830/32 erhalten, doch erfolgte die endgültige bildliche Umsetzung des Stoffes erst in Schwinds Münchener Jahren. Dorthin war er 1847 nach seiner Berufung auf das Lehramt für Historienmalerei an der Akademie umgesiedelt; freilich dauerte es eine Weile, bis er sich in Bayern ganz heimisch fühlte: Am 24. August 1855 schreibt er an Therese von Frech, er habe "ein Stückchen Urwald" zwischen Starnberg und Possenhofen als Baugrund gekauft, und fährt fort: "Es geht daraus hervor, daß ich mich endlich drein ergeben habe, mich für einen Bayern anzusehen. Ich habe mich lang genug gewehrt."

Zwei Jahre später (4. Dezember 1857) teilt er Frau von Frech mit, er sitze den ganzen Tag über den Sieben Raben. "Es will immer nicht recht in Gang kommen", klagt er, aber 1858 war dann doch ein Aquarellzyklus zu diesem Thema vollendet, dem der Kollege Anselm Feuerbach später überschwängliches Lob zollte: " ... ein Werk so köstlicher Genialität und so ergreifender Lieblichkeit, daß ich selbst ganz verzaubert bin" ‚Verzaubert' war wohl auch der Großherzog von Wei-mar, der die Serie ankaufte und in einem Salon seines Schlosses aufhängen ließ (heute Kunstsammlungen zu Weimar). Im Auftrag des Großherzogs hatte Schwind bereits 1854/55 die Wartburg ausgemalt, und tatsächlich gibt es verwandtschaftliche Beziehungen zwischen den monumentalen Fresken und den intimen Aquarellen: "Die Anklänge [der Sieben Raben] an die Wartburg werden Ihnen nicht entgangen sein", schreibt Schwind am 15. Dezember 1858 an Konrad Jahn. Insbesondere die Einfügung der Szenen in mittelalterlichen Vorbildern nachempfundene Architekturrahmen erinnert bei den Sieben Raben an Wandmalereien.

Aus einem Brief vom 1. Juni 1859 an Ernst Julius Hähnel geht hervor, dass Schwind sofort auch an Reproduktion und Vervielfältigung der Aquarelle dachte. Neben den traditionellen druckgraphischen Methoden ("Ich habe auch Anträge, die Sache stechen zu lassen - aber von wem?") spielte dabei die noch neue Tech-nik der Photographie eine wichtige Rolle in seinen Überlegungen: "Hanfstaengl [Münchener Kunstverlag und Photoatelier] hat mir einen ganz guten Kontrakt angeboten, ich hätte aber, bevor ich ihn unterschrieb, gerne gesehen, wie es ausfällt, und Hanfstaengl wollte die Kosten nicht an eine größere Maschine wenden, bevor unterschrieben war, und so schob sich's hinaus, bis der Großherzog die Bilder nach Weimar kommandierte."

Schließlich erschien 1861 ("in Commission der Literarisch-artistischen Anstalt der J. G. Cotta'schen Buchhandlung") eine Mappe mit sechs querformatigen Photographien (32 x 52,5 cm, aufgezogen auf Karton 57 x 85 cm) von Joseph Albert. Albert, 1825 in München geboren, hatte um 1850 ein Photoatelier in Augsburg eröffnet und war Ende 1857 nach seiner Ernennung zum bayerischen Hofphotographen nach München zurückgekehrt. Schwind war zwar einerseits froh, "daß die Schachergeschichte ein Ende hat und Kontraktus unterschrieben ist"; andererseits war er mit der Qualität der Photographien "nicht sehr einverstanden" (5. Februar 1861 an Bernhard Schädel).

Auch in den folgenden Jahren konnte ihn das neue Medium nicht recht überzeugen: "Photographie ist auch keine Sicherheit; wenn das Glück gut will, so verderben sie's gradso wie die Holzschneider und Kupferstecher" - so äußerte er sich am 5. Februar 1867 ganz allgemein in einem Brief an Eduard Mörike, dem er ein (seinen entschuldigenden Worten nach "etwas schäbige[s]") Exemplar der Photomappe der Sieben Raben übersandt hatte. Mörike bedankte sich mit dem Huldigungsgedicht ‚An Moritz von Schwind': "Ich sah mir deine Bilder wieder einmal an / Von jener treuen Schwester, die im hohlen Baum, / Den schönen Leib mit ih-rem Goldhaar deckend, saß [...] Von Blatt zu Blatt, nicht rascher als ein weiser Mann / Wonnige Becher, einen nach dem andern, schlürft, / Sog ich die Fülle dei-nes Geistes ein [...]"

Um die Bilderserie weiteren Kreisen zugänglich zu machen, fertigte Josef Albert auch kleinere Reproduktionen im Lichtdruck an. ("Mehrere Wochen verschlang auch eine Überarbeitung der Photographien von den ‚Sieben Raben' behufs einer gehörigen und wohlfeileren Ausgabe, die hoffentlich bald erscheinen wird"; Schwind am 5. Februar 1861 an Bernhard Schädel.) Der Lichtdruck, an dessen Perfektionierung Albert maßgeblich beteiligt war, beruht auf der Lichtempfindlichkeit einer Gelatineschicht und war das erste photomechanische Druckverfahren, mit dem in großer Auflage Photos getreu in allen Halbtönen gedruckt werden konnten. Es eignete sich gut für die Wiedergabe von Malerei und Graphik, setzte sich in der zweiten Hälfte des 19. Jhdts. rasch durch und war bis zum Jahrhundertende weit verbreitet. Lichtdruckreproduktionen der Sieben Raben veröffentlichte später auch der Paul-Neff-Verlag in Stuttgart (UB Augsburg: Ausgabe 1882, 221/LI 82550 S415). Auf ähnliche Weise wie die Sieben Raben wurde auch Schwinds Aquarellzyklus zum Märchen von der schönen Melusine (1868/69, Wien, Österreichische Galerie, Graphische Sammlung) über Photo- bzw. Lichtdruckmappen aus den Häusern Albert und Neff verbreitet (UB Augsburg: Aus-gabe ca. 1874, 221/LI 82550 S365).

Die oben abgebildete erste Szene von Schwinds Zyklus zeigt die Märchenerzählerin im Kreise ihrer Zuhörer; darüber als Wandmalereien die ersten Episoden des Märchens. Der Säugling auf dem Arm der Erzählerin lässt an Schwinds "Kindsfrau" denken, angeblich die wichtigste Quelle für sein Märchen. Rechts von ihr die ins Märchenbuch vertiefte Allegorie der Malerei (mit Pinsel und Palette); links die Allegorie der Musik (mit Laute). Unter den Zuhörern links vorne die Familie des Künstlers: seine Frau Luise (geb. Sachs, Tochter eines badischen Majors), umgeben von den Töchtern Anna (geb. 1844, links), Helene (geb. 1855, mitte, mit Katze) und Marie (geb. 1847, rechts). Daneben auf einem Schemel der Sohn Hermann August (geb. 1843). Ganz rechts außen Schwind selbst, auf seinen Armen ein Kind mit Lilie (möglicherweise die 1852 geborene und bereits 1853 verstorbene Tochter Luise). Die weiß gekleidete Frau in der rechten Gruppe wird durch die Inschrift auf ihrem Schleier als Amanda Geibel identifiziert, die Frau des mit Schwind befreundeten Dichters Emanuel Geibel, die 1855 nach kurzer Ehe im Alter von 22 Jahren starb.

Dr. Peter Stoll
Universitätsbibliothek Augsburg 2004