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In den alten Zeiten ...


“In den alten Zeiten, wo das Wünschen noch geholfen hat ...”
Märchen und Märchenforschung

Ausstellung des Lehrstuhls Volkskunde der Universität Augsburg

15.01. - 28.02.2004
Zentralbibliothek, Ausstellungshalle

Die Universitätsbibliothek Augsburg zeigt eine Ausstellung, welche von Studierenden des Faches Volkskunde unter der Leitung von Prof. Dr. Sabine Wienker-Piepho (Universität Augsburg/ Jyväskylä) konzipiert wurde. Mit diesem Projekt soll Fachkollegen und einer breiteren Öffentlichkeit eine Richtung des Faches Volkskunde vorgestellt werden, die zu den ältesten und traditionsreichsten dieser Disziplin gehört. Zurückgeführt wird sie bis auf die Brüder Grimm, beide Universitätslehrer von Rang und internationalem Einfluss.
Die Ausstellung soll zeigen, wie das Volksmärchen einstmals wohl entstand, wie es vorgestern, gestern und heute lebt und wahrscheinlich auch morgen noch weiterleben wird. Die Ausstellung fragt aber vor allem nach der Rolle, die das Märchen in den unterschiedlichsten Lebensbereichen spielt. Das Märchen ist nämlich keineswegs verschwunden, im Gegenteil, es ist "in" wie noch nie. Nicht nur Wissenschaftler, auch Psychologen, Pädagogen, Werbestrategen, Cartoonisten und Karikaturisten, Designer wie Künstler und neuerdings auch ein ganzes Heer von Berufserzählern kommen heute um das Märchen nicht mehr herum. In deutschsprachigen Ländern sind es mittlerweile mehr als 500 Menschen, die ihr Leben mit dem Erzählen von Märchen fristen, und ihr Publikum besteht durchaus nicht aus Kindern. Denn das Märchen ist längst wieder zu dem geworden, was es ehedem war: eine Angelegenheit von Erwachsenen für Erwachsene.
Die sog. "Europäische Märchengesellschaft" (EMG), die zweitgrößte literarische Vereinigung nach der Goethegesellschaft, zählt mittlerweile annähernd dreitausend Mitglieder, man trifft sich zweimal im Jahr zu Kongressen und hält kontinuierlich Seminare ab. Eine Stiftung verleiht einen renommierten Preis für international herausragende wissenschaftliche Arbeiten zum Thema "Volksmärchen" und für die jeweils jahresbeste, studienabschließende Arbeit in deutscher Sprache.

Welche tieferen Motivationen und Bedürfnisse stecken hinter solchen Trends? Andere Fragen lauten auch: sind Märchen vielleicht bis heute kontinuierlicher tradiert worden, als wir meinen, oder: wo kann man heute noch Märchen aus der ursprünglich mündlichen Überlieferung aufzeichnen?
Die einzelnen Themenbereiche, nach denen sich auch der Rundgang gliedert, sollen eine Vorstellung über die verschiedenen Diskurse vermitteln, gleichzeitig aber auch die wichtigsten Standardwerke der Sekundärliteratur und einige Märchenausgaben zeigen. Daneben möchte das Team ergründen, in welchen Situationen uns allen Märchen heute begegnen und welche Fragen sich daraus ergeben: Was hatte z. B. Sterntaler mit dem guten alten Tausendmarkschein zu tun und was macht der Wolf beim Psychiater? Koreanische Märchen - gibt es sie überhaupt und inwieweit gleichen sie den unsrigen? Seit wann gibt es Märchenfilme? Warum steht gerade Schneewittchen derzeit auf der Beliebtheitsskala ganz oben? Was machen die vielen Frösche zum Küssen, Rotkäppchen zum Trinken, Hänsel- und Gretel-Hexenhäuschen in der Werbung? Warum erscheinen Drachen und Goldesel so häufig in der politischen Karikatur? Märchenillustrationen, wie man sie nicht kennt, keltische Außenseiter, der Froschkönig auf Abwegen, das klassische und das avantgardistische Rotkäppchen, aber auch die Wissenschaftsirrtümer, die berüchtigten "Märchen vom Märchen", die Fehler, Fallen und Fälschungen und die Überlieferung zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit - was weiß man schon darüber?