Suche

Erhart Kästner


KLEINE AUSSTELLUNG

Emblem 2004


Erhart Kästner zum 100. Geburtstag
Schriftsteller und Bibliothekar

Zentralbibliothek, Eingangshalle
13.03. - 17.04.2004

Die Texte und Fotos in dieser Ausstellung erinnern an den Schriftsteller und Bibliothekar Erhart Kästner (1904 - 1974; bitte nicht verwechseln mit Erich Kästner) aus Anlass seines 100. Geburtstages.

Erhart Kästner wurde am 13.3.1904 in Schweinfurt geboren. 1911 zog seine Familie nach Augsburg, wo er das humanistische Gymnasium bei St. Anna absolvierte, an dem sein Vater Lehrer war. Er studierte dann Germanistik an der Universität Leipzig und promovierte dort über "Wahn und Wirklichkeit im Drama der Goethezeit". Nach einer Volontärsausbildung im Bibliothekswesen arbeitete er ab 1929 als Bibliothekar in der Sächsischen Landesbibliothek in Dresden, die damals im Japanischen Palais am Ufer der Elbe untergebracht war. Dort wurde ihm die Leitung der Handschriftenabteilung anvertraut und er baute das Buchmuseum der Bibliothek auf. Zwei Jahre lang ließ Erhart Kästner sich beurlauben, um in Agnetendorf (Riesengebirge) als Sekretär des Schriftstellers Gerhart Hauptmann zu wirken. Ab 1940 war er Soldat in Griechenland, erhielt aber die Erlaubnis, in dienstlichem Auftrag ein Griechenlandbuch zu schreiben, das 1942 erschien. Kästner geriet am Kriegsende in britische Gefangenschaft.

1947 konnte er nach Deutschland heimkehren und wohnte bis 1950 bei der Mutter in Augsburg. Ab1947 war er hier Redakteur des Literaturblattes der "Schwäbischen Landeszeitung" (Augsburg). Von 1959-1962 redigierte Kästner das Literaturblatt der Nachfolgerin "Augsburger Allgemeine". Er hat auch mehrmals über Augsburg geschrieben. Von 1950-1968 war Kästner Direktor der Herzog-August-Bibliothek in Wolfenbüttel, einer ehemals herzoglichen Privatbibliothek. Er ließ sie umbauen, öffnete sie für das Publikum und begann die Erschließung der Altbestände, welche diese Bibliothek heute zu einem Zentrum der Frühneuzeit-Forschung machen. Nach der Pensionierung lebte Kästner in Staufen im Breisgau, wo Peter Huchel, der aus der DDR exilierte Dichter, sein Nachbar wurde.

Das "Zeltbuch von Tumilad" (zuerst 1949) wurde Kästners erster größerer Erfolg. Er war im Mai 1945 auf der Insel Rhodos in englische Kriegsgefangenschaft geraten und kam in ein Zeltlager nach Ägypten östlich von Ismailija (bis November 1946). Seine Blätter mit Aufzeichnungen verarbeitete er in Augsburg zum "Zeltbuch". In der "Schwäbischen Landeszeitung" (Augsburg) erklärte Kästner, sein Werk sei kein typisches Kriegsbuch: "Es wird mehr von den Sternennächten der Wüste erzählt und von der Art, wie die einzelnen darauf reagieren, alles dessen beraubt zu sein, was zum Begriff unseres Lebens gehört ... Ich war immer davon überzeugt, daß es notwendig sei, sich aus jener traumhaften Welt etwas in das jetzige Leben hinüberzuretten, etwas aus der Essenz jener Tage in unsere Tage zu mischen. So hat es mich natürlich berührt, als mir bei meiner Heimkehr, sozusagen beim Betreten des europäischen Bodens, in England, jemand erzählte, er habe Sven Hedin sagen hören: 'Jedermann braucht etwas Wüste.' Das habe ich dann gleich als Geleitwort vor meine Erzählung gesetzt." (Über mein Buch. In: Schwäbische Landeszeitung, 11.11.1949). Bis 1983 wurden ca.160.000 Exemplare gedruckt.

Seinen Ruf als Schriftsteller und Stilist verdankt Erhart Kästner aber vor allem den Griechenlandbüchern. Es gelang Kästner, während seiner Abkommandierung nach Griechenland 1940 einen dienstlichen Auftrag zu erhalten, ein Buch über "die Denkwürdigkeiten Griechenlands" zu schreiben. Das Werk mit Federzeichnungen von Helmut Kaulbach wurde zunächst an Weihnachten 1942 an Soldaten verteilt und erschien 1943 in Berlin. Im Jahr 1953 kam im Insel-Verlag die Umarbeitung mit dem Titel "Ölberge, Weinberge. Ein Griechenlandbuch" heraus (zuerst 1953). Kästners bekanntestes Werk beschreibt Griechenland anhand von Reiseerlebnissen mit Land und Leuten. Kästner schrieb an seinen Lektor Friedrich Michael: "Ich wollte und will freilich keine erzählende, fortlaufende, impressionistische Reiseerzählung geben; das Thema ist ja nicht Griechenland, höchstens das Griechenland einer inneren Geographie ... Also sind die Festpunkte des Manuskripts die Stellen, wo das klassizistische Hellasbild aufgelöst wird. Dafür wird versucht, Momente auf einen Faden zu reihen, wo im Antiken das Christliche und im Christlichen das Antike ist" (Brief vom 4.11.1952). Es folgten Bücher über Kreta und Delos, über weitere griechische Inseln und zuletzt über Byzanz/Konstantinopel. Diese Werke sind weder Reiseführer noch Erzählungen. Sie bieten persönliche Aufzeichnungen, sie sammeln Bilder und Reflexionen in poetischer Sprache. Das letzte Buch zu Lebzeiten "Aufstand der Dinge. Byzantinische Aufzeichnungen" (1973) erweitert den Focus auf Konstantinopel/Istanbul. Kästner wendet sich hier auch gegen die Auffassung der westlichen Welt, Reichtum und wirtschaftlicher Konsum seien notwendige Voraussetzungen für ein erfülltes Leben.

Die Literaturkritik hat "Die Stundentrommel vom heiligen Berg Athos" (1956) - mit der für Kästner typischen Mischung von Reiseerlebnissen und Reflexionen - als sein gelungenstes Werk bezeichnet. Kästner war 1953 und 1954 zweimal in die tausendjährige unberührte Mönchsrepublik gereist. Er macht den Leser wie nebenher sogar mit der Mystik der orthodoxen Kirche vertraut. "So gehe ich immerfort über die Klosterhöfe des Athos, uralte Steinplatten, klick-klack ... So wandere ich in Nächten, träumend und halbträumend, über die uralten Pflaster-Wege, über Ölberge, durch Strauch-Wälder von Edelkastanien. Gehe über den Höhenrücken der Halbinsel, ihr Rückgrat. In der Tiefe Meeresbuchten, weiße Strandsäume, Glitzerstraßen von Mondlicht. Tiefe Stille. Grillengezirp, dieser geniale Einfall der Stille, sich hörbar zu machen ..." Die Rezensenten lobten nicht zuletzt Kästners Stil: "Wo findet man heute sobald ein Deutsch, das zugleich so anschaulich-sinnlich, so von lyrischer Melodik, so bezaubernd und gleichzeitig so geistig ist? Und das alles natürlich und ohne Prätention." (Die Presse, Wien, 21.4.1956). Bis 1973 wurden 130.000 Exemplare aufgelegt.

Die meisten Werke Erhart Kästner sind auch heute im Buchhandel erhältlich.

Dr. Ulrich Hohoff